Samstag, 11. August 2012

04.07. – 18.07.2012 Canada Maritimes (Nova Scotia - New Brunswick - Prince Edward Island)


Rita MacNeil - She's Called Nova Scotia

She grows on you slowly the first time you meet
There's just so much beauty the heart can believe
And you want to stay longer and she's ever so pleased
You're one of the many who don't want to leave

So walk through her green fields, Go down to the sea
The fortune in your eyes is more like a dream
She's called Nova Scotia and she so makes you feel
You discovered a treasure no other has seen

It's hard to remember the places you've been
For once in her presence she's all that you've seen
And she cradles you softly like a warm gentle breeze
And wins your heart over with a feeling of peace

She welcomes the strangers from far away shores
While deep down inside her, Some walk through her soul
And at night in her slumber, The winds softly call
And awakens her spirit that lives in us all

So walk through her green fields, Go down to the sea
The fortune in your eyes is more like a dream
She's called Nova Scotia and she so makes you feel
You discovered a treasure no other has seen
 















Episode 1: Das Drama von Londonderry

Während ich zu meiner kanadischen Highschoolzeit noch im ländlichen Thorburn (man lese sich zu näheren Information die ausführliche Wikipedia Beschreibung durch http://en.wikipedia.org/wiki/Thorburn,_Nova_Scotia) untergekommen war, waren meine Gasteltern inzwischen ein paar mal durchs Land gezogen und schließlich in Londonderry gelandet. Londonderry, welches zu Hochzeiten auch Acadia Mines hieß, war noch im späten 19. Jahrhundert eine florierende Stadt, die durch vielversprechende Eisenerz- und Stahlgruben viele Arbeiter anzog und eine sagenhafte Bevölkerung von ca. 5000 vorzuzeigen hatte. Heute leben dort noch ca. 200 (Katzen, Hunde und Kühe mitgezählt) Einwohner. Wie dem auch sein, nach anstrengenden Wochen in Deutschland (Pfingsten, EM, Deutschlandreise, Festival) war die Aussicht auf ein paar Tage Londonderry sehr vielversprechend.

Mich wieder in meiner Gastfamilie zurecht zu finden fiel mir nicht schwer. Das kleine Haus in Londonderry hatte die gleiche Aura wie das damalige Haus in Thorburn und besonders freute ich mich darüber, dass über dem Tisch immer noch die mir bekannte Holzdekoration hing, die „sit long, talk much“ verkündete. So saßen wir, aßen, quatschten guckten Fernsehen und feuerten meine Gastmutter an leckere Sachen zu backen. Die ersten Tage drehten sich also um essen, schlafen, spazieren gehen, den nächstgelegenen Masstownmarket besichtigen sowie einige Sachen für Vancouver zu organisieren.

Kostenloses Angebot des Masstownmarkets: Foto mit Hut...
Die Zeit plätscherte so dahin und ich fühlte mich wohl und endlich mal so richtig im Urlaub. Ausschlafen, entspannen, das Leben genießen... Doch dann passierte es. An einem meiner nachmittaglichen Erkundungsgänge durchs Umfeld Londonderrys, vorbei am runtergekommenen Hotel, einer verkommenen Kirche und einem nicht mehr benutzten Baseballstadion, trieb es mich zu Londonderrys Fluss. Nachdem es an den Tagen zu vor noch regnerisch und kalt gewesen war, war ganz unverhofft die Sonne herausgekommen und so krempelte ich die Hosenbeine hoch und watete ein bisschen durch den Fluss. Schon bald kam ich an ein echtes Flussdelta und beschloss eine kleine Runde zu drehen, sodass ich später zurück auf die Straße kommen würde. 

Mehrere Flussüberquerungen so wie ei ausgeglichener Kampf mit hüfthohem Gras waren die Folge. Als ich all diese Hindernisse schließlich hinter mir gelassen hatte, befand ich mich auf einmal an einer besonders breiten Stelle am Fluss. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Sonne schien immer noch warm auf mich herab und so entschied ich mich einer spontanen Eingebung folgend kurz mal eben ins kalte Wasser zu springen. Jeans und T-Shirt waren schnell abgelegt und schon plantschte ich glücklich in Londonderrys Gewässern vor mich hin. Denn in Kanada ist ja wie jeder weiß „KeinerDa“. Doch als ich mich gerade aus dem Wasser erhob, um zum Ufer zurückzuwaten sprang mir auf einmal ein großer hechelnder Hund entgegen, glücklich darüber endlich einen Spielgefährten im Wasser gefunden zu haben. Dicht gefolgt sein Herrchen, ein etwa Mitte 40 jähriger Herr, der mich verdutzt musterte und perplex grüßte. Nun war das Dilemma perfekt. Ich war zwar noch rechtzeitig bis zum Hals wieder abgetaucht, konnte jedoch auch nicht ewig im Fluss weiterplantschen, zu mal der Hund mich immer wieder aufforderte ihm ein Stöckchen zu werfen. Herrchen versuchte derweil mich dezent zu übersehen, doch als ich mich dann schließlich doch aus dem Wasser erhob, entschied er sich in einen taktischen Smalltalk überzugehen.  Während ich versuchte mir so schnell wie möglich meine Jeans überzuziehen (besonders erfolgreich, wenn man tropfend nass ist), war ich mir sicher, dass Hund und Herrchen so etwas noch nie (zumindest in Londonderry) erlebt hatten. Herrchen warf auch entschuldigend ein, dass sie normalerweise immer morgens an diese Stelle kommen würden. Ich wünschte schließlich noch einen schönen Tag und stahl mich unauffällig davon. Eins war klar: Nach diesem Debakel musste ich Londonderrry so schnell wie möglich wieder verlassen.


Episode 2: Life in the Maritimes: Moncton the „Hub City“ & Lobster Capital Pictou

Ziel meines selbstorganisierten Täterschutzprogramms fiel auf Moncton, einer kleinen Stadt in New Brunswick. Dort lebte eine meiner Highschool-Freundinnen mit ihrem (inzwischen) Mann in einem eigenen Haus. Da sie auch noch an genau diesem Wochenende Geburtstag hatte, bot sich ein Ausflug nach Moncton gerade besonders gut an. Das ganze Unterfangen versprach aus zweierlei Gründen pure Aufregung: 1. versetzte mich die Aussicht auf einen echten Stadtbesuch (ca. 70000 Einwohner) in helle Aufregung und 2. stand mir ein Kulturschock  der (und das soll jetzt wirklich nicht negativ klingen) Bürgerlichkeit bevor.

Nicole und Chris waren jetzt seit ca. einem Jahr verheiratet. Hatten gerade ein Haus gekauft und waren noch dabei alles einzurichten. Ich hatte mein eigenes Gästezimmer im Keller und es gab zwar noch keine Kinder (nach meinem Zwischenstand auch keine in Aussicht) dafür aber 2 Meerschweinchen und zur Zeit meines Besuches 2 Gastratten. Der normale Wochenendablauf der beiden schien darin zu bestehen mit ihren Freunden Brettspiele oder Playstation zu spielen oder aber tagsüber den nächstgelegenen Comicladen aufzusuchen. Nicole arbeitet als Vertretungslehrerin, während Chris Glücksspielautomaten programmiert. An jenem Freitag Abend standen die beiden nun vor dem Problem, dass sie Besuch von ihrer weitgereisten Freundin aus Deutschland hatten, der sie ihrer Meinung nach ein Unterhaltungsprogramm bieten mussten. So wurde also schnell ein kneipenkundiger Freund von Chris zu Hilfe gerufen und los ging’s.

Was für mich ein eher ruhiger Abend (Bier, Pizza und angeregte Unterhaltung in zwei Kneipen) war, schien für meine Gastgeber das soziale Erlebnis des Lebens zu sein. Nachdem ich ihnen irisches Cider im Irish Pub gezeigt hatte, war auch meine Aufgabe des deutschen schlechten Einflusses erledigt und wie mir später berichtet wurde, war ich dafür verantwortlich, dass sie so betrunken wie noch nie gewesen wären (es handelte sich insgesamt um vielleicht 4 oder 5 Bier bzw. Cider). Die Tatsache, dass wir dann nachdem wir nach Hause kamen noch eine Runde Karten spielten sorgte dann schließlich auch noch dafür, dass die beiden länger aufblieben als je zuvor in ihrem Leben (wir gingen um 04:00 Uhr schlafen). Vom schlechten Gewissen geplagt bereitete ich am nächsten morgen direkt einmal mein berühmtes Frühstücksei zu. Ich sollte schließlich nicht als German Troublemaker in Erinnerung bleiben.

Kulturschock "verheiratetes häusliches Leben" war also überstanden. Nun ging es Samstag morgen darum die Stadt zu besichtigen. Das schöne an Moncton ist, dass es komplett zweisprachig ist. Kanada hat zwar offiziell zwei Sprachen, aber die meisten Kanadier können wirklich nur die Sprache sprechen, die in ihrem Teil des Landes gesprochen wird. Nicht so in Moncton. Englisch und französisch schallte zu gleichen Teilen durch die Straßen und Schilder (rue de CHURCH street)  sowie Ladenangebote waren alle zweisprachig. Gut gefiel mir auch Monctons Wochenendmarkt, auf dem es von lokalen bis internationalen Spezialitäten alles zu erstehen gab.

Nicole und Chris in Monctons Wochenmark

 
So war also auch Kulturschock "Stadtleben" gemeistert bis es schließlich an der Zeit sich auf den Weg zurück nach Londonderry zu machen. Einen erlebnisreichen Ausflug in ein etwas anderes Leben im Gepäck brauste ich über die leeren kanadischen Highways in froher Erwartung schon bald Jenny und ihren Verlobten wiederzusehen.

An diesem Abend kamen nämlich alle zusammen. Aus Platzmangel waren Jenny, Ally (meine 2 Gastschwestern) und ich im Zelt im Garten untergebracht, während Jay und seine zwei Töchter im Wohn- bzw. Arbeitszimmer ihr Lager aufschlugen. Zelten in Nordamerika bedeutet übrigens ein möglichst großes und komfortables Luftbett aufzubauen und sich dort unter ca. 10 Decken und mit 20 Kissen ausgestattet zu Ruhe zu legen, sodass ich mich am Abend auf meiner 2 cm dicken Isomatte neben einem 1,50 m hohem, riesigem Ungetüm von Bett wiederfand.

Die Ankunft von Jenny, Jay und den Mädels brachte gleich sehr viel mehr Leben ins ruhige Londonderry. Am nächsten Tag rollten wir alle in die nächstgelegene baptistische Kirche und es war schön meinen Gastvater mal wieder predigen zu hören (auch wenn ich nach wie vor die Meinung nicht teilen kann, dass die Evolution nie stattgefunden hat). Anschließend gab es ein großes Familienbarbecue, bei dem ich alle möglichen Familienmitglieder wiedererkennen sollte, die ich seit ca. 8 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Schließlich war ich dann doch froh, als ich Abends mit meiner kleinen Gastschwester in Richtung Cottage aufbrach.

Die Cottage ist eine Art Ferienhaus, in der Nähe von River Johns Strand mitten im Nirgendwo. So weit im Nirgendwo, dass man dort weder Internet- noch Telefonempfang hat. Meine Gastschwester musste immer auf den nächstgelegenen Hügel fahren, um mit ihrem Freund zu telefonieren. Und ich musste mich schließlich auf den Weg nach Pictou (der nächstgelegene Gemeinde) machen, um meine Emails zu checken.

So fuhren wir Mädels also alle nach Pictou, ich wurde vor der Bücherei abgesetzt, während meine beiden Gastschwestern einkaufen gingen und wir und schließlich auf ein Bier später im Hafen verabredeten. Während ich auf den Treppen vor der Bücherei in die Tasten hämmerte (diese war Montags natürlich geschlossen), liefen alle Einwohner Pictous mindestens einmal an mir vorbei und hatten irgendeinen Kommentar zu meinem Dasein abzugeben. Es war also nur eine Frage der Zeit bis auf einmal auch der Bürgermeister erschien und mich in ein Gespräch verwickelte. Stolz darauf einen internationalen Touristen in seinem kleinen Ort zu entdecken, erzählte er mir wie toll seine Stadt doch sei und wies mich an mich nicht vom Fleck zu bewegen, während er davon eilte. Ich emailte also brav weiter bis er schließlich mit einem Pictou-Wappen-Anstecker wiederkam, den er mir glücklich überreichte. Hier bewegte sich das Leben wirklich noch in einem anderen Zeit-Raum-Kontinuum.

In der Bar mussten wir dann schließlich feststellen, dass in Pictou auch noch der weltbekannte Lobsterkarnival stattgefunden hatte. Der Lobsterkarneval ist eine Art Stadtfest bei dem sich alle Älteren hoffnungslos betrinken, während kleinere Kinder auf die plus-minus 2 aufgebauten Karusselle gehen dürfen. Wir sahen nur noch die Überreste des Festivals in der Bar rumhängen, sodass wir Pictou schnell wieder hinter uns ließen, um den Urlaub im Nirgendwo in vollen Zügen zu genießen.


Episode 3: Ferien in Nova Scotia: That’s the life!

Die nächsten Tage wurde vom allerfeinsten entspannt. Das schöne an Nova Scotia ist, dass es fast komplett unentdeckt von Touristen ist, sodass man an manchen Tagen den Strand ganz für sich alleine hat. Neben einigen kleinen organisatorischen Sachen für die Hochzeit (z.B. der wichtigen Weinprobe)

verbrachten wir unsere Tage also damit gut zu essen, zu schlafen oder am Strand zu entspannen.






Als Belohnung für die tiefenentspannten Ferientage gab's dann Abends auch noch atemberaubende Sonnenuntergänge als Sahnehäubchen obendrauf.


Der alte Mann im Felsen beim Sonnenuntergang
 

Es war auch gut, dass wir diese Tage noch zum Ausruhen nutzten, denn Jays Familie sollte nicht lange auf sich warten lassen und wenn die Iren ein mal im Anmarsch sind, dann ist es mit Ruhe und Frieden definitiv vorbei.


Episode 4: Pastorentochter heiratet Iren

Schon als wir Jays Familie in Halifax abholten, war mir klar, dass hier zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander treffen würden. Erst einmal hatte sich niemand innnerhalb Familie abgesprochen, was dazu führte, dass alle zu unterschiedlichen Zeiten landeten, Autos mieteten und getroffen werden mussten. Dann änderte sich minütlich Tagesplan sowie die Bedürfnisse aller, wobei es meistens damit endetet, dass man sich einfach irgendwo niederließ und Bier trank.


Meine Gastfamilie, die ja überhaupt keinen Alkohol trinkt, und sich klassisch nordamerikanisch an Absprachen und Pläne hält, schien derweil etwas verloren in der irischen wirbelnden Lebensführung. Meine Gastmutter hatte bald das Gefühl, dass sie keiner mochte, wobei Jays Familie versuchte das Alkoholverbot auf Campbellschen Gelände zu akzeptieren, so allerdings nie dort aufkreuzte, denn ein Ire ohne Bier ist wie ein Auto ohne Motor. Nichts läuft. Ich saß derweil etwas zwischen den Stühlen. Einerseits war mir der irische Haufen natürlich ziemlich sympathisch und ich genoss es mit ihnen anzustoßen, andererseits wollte ich meiner Gastfamilie gegenüber natürlich auch loyal sein.

Doch am Ende der Woche kam dann doch noch alles in Ordnung. Denn immerhin war es ein froher Anlass wegen dem hier alle zusammen gekommen waren. Und Glenda (meine Gastmutter) hatte an jenem Abend vor der Hochzeit zum Lobsteressen eingeladen und alle Iren kamen nüchtern und gesittet. Es wurde gemeinsam gegessen, erzählt und am Ende sogar noch zusammen musiziert und gesungen.

Am nächsten Tag war es dann soweit. Jenny verlangte ab ca. 10 Uhr nach einem alkoholhaltigem Getränk, um ihre Nerven zu beruhigen und alles schwirrte aufgeregt umher. Mir fiel dabei die Aufgabe zu mich möglichst unauffällig zu verhalten und ab und zu beruhigende Worte zu sprechen.

Die Hochzeit selber fand in nahegelegenen Cottages auf einer Klippe direkt überm Meer statt. Als ich dort ankam, war es ein bisschen so als ob ich mitten in einen schnulzigen Hollywood Film gelaufen wäre. Die Landschaft war wirklich malerisch und alles war wunderschön aufgebaut.


Jennys Onkel und ihre Cousine spielten schließlich auch noch Dudelsack, sodass die Filmkulisse perfekt war. Und während der Pastor vorne vor sich hinbrabbelte und ständig versuchte irgendwelche Witze zu machen, blieb wohl kaum ein Auge trocken.




Schließlich kam es dann tatsächlich zu zwei „I-do-s“, was auch die letzten Zweifler in die Schranken wieß und eine wunderschöne Hochzeit besiedelte. Danach wurden fleißig Fotos gemacht, reden gehalten, gegessen, getrunken, fliegende Lampions in die Luft gelassen, getanzt und gefeiert.

Joli und Mutter und Tochter Toupin. Freunde von Jen und Jay.




Bis schließlich alle völlig erschöpft und zufrieden in die Betten ihrer Cottages vielen.


Episode 5: PEI (Prince Edward Island): Kanadas kleinstes Juwel

Mein persönlicher Höhepunkt folgte kurz vor meiner Abreise: Ein Ausflug nach Prince Edward Island (oder P.E.I. wie die Insel in den Maritimes von Einheimischen genannt wird), Kanadas kleinster Provinz. P.E.I. ist so klein, dass die Insel in früheren Zeiten sogar schon mal vergessen wurde sie auf kanadischen Karten einzuzeichnen. Kein Wunder, denn erst seit 1997 gibt es eine Brücke, die PEI mit dem Festland verbindet, zu vor war man noch vollständig auf den Fährenverkehr angewiesen. Und auch heut zu Tage wird die Brücke im Winter manchmal wegen stürmischen Wetters gesperrt und wenn das Meer zwischen Nova Scotia und P.E.I. zugefroren ist, kann es passieren, dass man auf der Insel festsitzt. Wieder einmal ein ganz besonderes Ende der Welt also.

P.E.I. ist für genau drei Sachen bekannt: 1. Meeresfrische Lobster. 2. Cows, eine eigene Eismarke, die neben Eis auch alle möglichen Souvenierartikel anbietet (mein Lieblings T-shirt in diesem Jahr: Justin Beefer) 3. Anne of Green Gables, Kanadas wohl bekanntester Roman, der seine Höchstauflage vermutlich in Japan hat, da ein rothaariges freches Mädchen als Protagonistin agiert, was in Japan wohl eher eine Rarität sein sollte (während wir das in Deutschland ja alle nur zu gut kennen). Demnach war ein vollständiges Tagesprogramm also vorgegeben.

Da Jenny und Jay noch allerlei aufzuräumen und zu organisieren hatten, machte ich mich zusammen mit den Toupins, Freunden aus Saskatchawan auf den Weg zur Insel. Nachdem das Wetter in der Woche zu vor jeden Tag perfekt gewesen war, zeigten sich an diesem Tag zum ersten Mal Wolken und Regen. Trotzdem waren wir frohen Mutes, als wir uns auf den Weg zur Fähre machten. Kurz vor der Anlegestelle allerdings der erste Schock: ein Reh sprang direkt vor meinen Mietwagen und ich verfehlte es nur knapp. Durchatmen und gefahrenfrei die Fähre boarden.

Auf der Insel angekommen wollten die Toupins zunächst ein Hotel beziehen, denn sie hatten vor noch etwas länger auf P.E.I. zu bleiben, während ich noch am selben Abend zurück zur Cottage fahren wollte. Im ausgewählten Hotel bekamen wir dann auch direkt einen Insidertipp, wo man lecker und günstig Seafood essen könnte. So teilte ich mir mit Coleen (Frau Toupin) eine Meeresfrüchteplatte gefüllt mit frischen Muscheln, frischem Lobster sowie frittierten Jakobsmuscheln. Das Essen war vorzüglichst und kurze Zeit später rollten wir glücklich in Richtung Cows-Icecream-Store. Dort gab’s zum Nachtisch Eis vom allerfeinsten und ordentlich was zu lachen, denn Cows nimmt wirklich alle und jeden aufs Korn (z.B. „Go Cownada go!“ oder „The Big Barn Theory“). Außerdem durfte ich meinen Spieltrieb endlich mal wieder ausleben, denn vor dem Laden posierte eine riesige Kuh.
 
Nächstes Ziel war dann natürlich Anne of Green Gables und die in der Nähe liegenden Strände. Auf dem Weg dorthin machten wir allerdings gefühlt alle 5 Minuten Pause, um Fotos zu schießen, die Landschaft zu genießen, Enten die Straße überqueren zu lassen oder Souvenirs zu kaufen.




Schließlich schafften wir es dann doch noch zu Annes Haus. Das Gelände hatte allerdings schon geschlossen. Zunächst war ich ein bisschen enttäuscht doch letzten Endes war es sowieso schöner ohne eine Horde japanische Touristen durch die Gärten zu streifen (rein in den „Haunted Forest“ und rauf auf die „Violet Lane“) sowie ungestört Fotos vom Haus zu machen. Und das auch noch ohne Eintritt dafür zu bezahlen. 


Zu guter Letzt durften die Jungs (Herr und Sohn Toupin) auch noch ein Inukshuk am Strand bauen, welches wahrscheinlich heute noch aufs Meer hinausguckt und uns Goodbye winkte. Denn inzwischen hatte es schon zu dämmern begonnen und ich hatte noch einen langen Weg durch New Brunswick bis hin zur Cottage vor mir. Diesen überstand ich dann Gott sei Dank auch unversehrt, wobei ich zunächst diversen Füchsen ausweichen musste nur um direkt hinter der Confideration Bridge (Brücke, die P.E.i. und das Festland verbindet) von riesigen „Achtung Rentiere auf der Strecke“ blinkenden Warnschildern begrüßt zu werden. Panisch versuchte ich mich nicht vom drängelnden LKW hinter mir aus der Ruhe bringen zu lassen, während ich jede Sekunde mit einem 2 Meter großen Elch vor meinem Auto rechnete.  Die Elche blieben jedoch der Strecke fern und so musste ich lediglich noch ein dickes fettes Gürteltier meiden, das sich zum schlafen mitten auf den Highway gelegt hatte. 

Kanadas traditionelle Inukshuks
Natürlich war die Zeit in den kanadischen Maritimes mal wieder viel zu schnell rumgegangen, doch so ist das nun mal, eine Großstadt wie Vancouver wartet schließlich auf niemanden.

Sonntag, 29. Juli 2012

5 Tage mit Orang Putih & Orang Chocolate – Malaysia: das volle Programm






17.05. -24.05.2012 (Achtung: Bericht aus der Vergangenheit)

Prolog

Während meines Auslandsaufenthalts in Malaysia fragte mich meine Gastmutter ein mal wie es eigentlich sei Jahreszeiten zu haben. Ich musste ihr ganz ehrlich antworten, dass ich noch nie wirklich über die Jahreszeiten nachgedacht hatte. Ich meine ich habe meine Lieblingsjahreszeiten (Winter und Frühling) und meine etwas weniger lieben Jahreszeiten (Herbst und Sommer), doch die allgemeine Präsenz von Jahreszeiten war ja einfach immer gegeben. Wie sollte ich einer Malayin also erklären, wie es sich anfühlt im Sommer zu schwitzen und im Winter zu frieren?

Als ich letzten „Frühling“  in Singapur ankam und aus dem australischen Spätherbst (Temperaturen bis zu 12 °C, brrr) in die tropische Wärme eintauchte, wusste ich auf einmal, was ich meiner Gastmutter am heutigen Tag antworten würde: Wenn man in Regionen mit Jahreszeiten lebt, ist das Wetter unentwegt ein gesellschaftliches Thema. Und die ständige Unbeständigkeit gibt dem Leben in unseren Breitengraden das Gefühl des steten Wandels.

In Südostasien anzukommen hingegen, gibt mir stets das Gefühl einer bekannten Vertrautheit. Die drückende Schwüle. Der Geruch nach Regen, Abgasen und Straßenessen ist irgendwie unvergänglich. So tauchte ich an diesem Maitag sofort wieder in etwas Bekanntes ein. Entspannt und voller Vorfreude blickte ich dem Besuch bei meiner Gastfamilie entgegen.

Nach dem wohltuenden Tropendunst, den ich unter meinem gut 20 kg schweren Rucksack leise verfluchte, erwartete mich im Bus von Singapur nach Kuala Lumpur die zweite südostasische Jahreszeit: die Klimaanlage. Mit Kapuzenpulli, langer Hose und warmen Turnschuhen versuchte ich dem Gebläse zu trotzen, doch in Kuala Lumpur angekommen fühlte ich mich trotz allem als hätte ich mir in den gut 5 Stunden Busfahrt akutes Rheuma eingehandelt.

Gut, dass es da noch meine liebe malayische Gastfamilie gibt. Nachdem das neuste Chaos dargeboten wurde („Joli, sorry. Airconditioning is broken.“ Joli smiling „Oh, no problem, lah.“), wurde ich rundum versorgt. Joli mandi, Joli makan, Joli tidur. Duschen, essen schlafen. Und wohl ausgeruht wurde ich dann am nächsten Tag noch zum Jalan-Jalan mitgenommen. Zum Schaufensterbummeln und shoppen.

Natürlich gab es in meiner Gastfamilie aber nur ein vorherrschendes Thema. Joli friend is coming. So ein Event muss in Malaysia von langer Hand geplant werden, wobei alle Pläne in letzter Minute wieder verworfen und letztendlich alles ganz spontan gemacht wird. Wichtig schien jedoch zu sein die Frage „Joli friend or Joli boyfriend?“ gleich mehrfach in den Raum zu werfen und bei meinen kläglichen Versuchen das Konzept eines männlichen Mitbewohners zu erklären („But he man. You woman. So, how?“) nur den Kopf zu schütteln. Trotzdem wurde Jan von allen mit großer Vorfreude erwartet.


Tag 1: Abah Second House, Roti Canai, Perak, Cameron Highlands – das volle Programm

Als ich am Morgen in Nabilahs (kleine Gastschwester) Princess Bed erwachte, wusste ich, dass mich ein Marathontag erwarten würde. Während wir am Abend vorher Abahs (mein Gastvater) Second House bezogen hatten (dieses liegt schließlich besonders nah am Flughafen), bekam ich mehrere Nachrichten von Jan. Man wollte ihn in Fiji nicht ausreisen lassen, da er keine Adresse in Malaysia angeben konnte. Panisch versuchte ich alle Reiseunterlagen, Adressen und Telefonnummern, die ich irgendwo finden konnte weiterzuleiten, um Aus- und spätere Einreise zu erleichtern. Natürlich hätte mir Fiji-Time und -Style noch bekannt sein sollen, aber ein paar Sorgen machte ich mir trotzdem.

Während ich mich also bemühte ruhig zu bleiben und mit eifriger Unterstützung von Abah versuchte die drei Frauen zum Aufbruch zu bewegen, kam Mak (Gastmutter) eine ganz hervorragende Idee: „Joli, we make joke with Jan!“. Für Späße aller Art bin ich ja bekanntlich immer zu haben, sodass ich unter lautem Gegacker bekopftucht und anschließend ins Auto verladen wurde.
Als Europäer mit Kopftuch und muslimischer Familie durch Kuala Lumpurs Flughafen zu laufen ist in etwa so als ob man nackt auf einem Ponny reitend in 10 Minuten in Müncheners Hauptbahnhof einsteigen würde. Und während ich es ja eigentlich aus Asien schon kenne von allen Seiten angestarrt zu werden, war die Erfahrung im Kopftuch umherzuwandern doch noch mal etwas Neues. Denn das Tragen dieses religiösen Zeichens kommt nicht ohne einen gewissen Respekt für Traditionen und Sitten. So musste ich zum Beispiel lernen, dass ich als unverheiratet Frau eigentlich keinen Mann anfassen durfte, was mich etwas nervös auf die bevorstehende Begrüßung meines lieben Mitbewohners blicken ließ.


Unterm Strich lief dann aber doch alles glatt. Jan erkannte mich trotz Kopftuch oder besser gesagt wegen neongrüner Sonnenbrille und ich erlaubte mir einen kurzen unauffälligen Händedruck bis dann Abah mit vorgestreckter Hand in die Bresche sprang um seine Frauen vor unsittlichen Berührungen zu schützen. Dem armen Jan wurde anschließend allerdings keine einzige Verschnaufminute gegönnt, um sich vom fijianischen Ausreiseverbot, dem malayischen Einreiseerfolg („no problem, lah!“) und einer kopftuchtragenden Joli zu erholen. Denn es ging direkt zum nächstgelegenen Mamak-Store zum Frühstücken. Auf dem Weg dahin führte Abah noch sein Second-House sowie die malaysische Formel 1 Strecke vor. Gefolgt vom vollen Frühstücksprogramm.


Teh tarik (sogenannter gezogener Tee), roti canai (indisches Brot), roti canai telur (indisches Brot mit Ei) und mit Kokosmilch versüßter Reis boten den perfekten Start in die malaysische Gastfreundschaft. Und Jan war schnell der große Hit. Nach 2 Monaten Ausfahrt auf dem Schiff, wohl gebräunt, musste festgestellt werden, dass es sich bei ihm ja gar nicht um einen echten Orang putih („Weißer Mensch“) handelte. „Orang Chocolate“, betitelte Mak ihn unter leisem Gekicher und gerat völlig aus dem Häuschen als Jan dann auch noch einen weiteren Tee bestellte, denn alles war so lecker!

Kaum hatten wir das köstliche Frühstück aufgegessen ging’s auch gleich schon weiter in Abahs erstes Haus in Serdang, einem Vorort von Kuala Lumpur. Der Zeitdruck rührte nicht etwa daher, dass Najeebah, Nabilah, Jan und ich noch einen Bus ins Malaysische Hinterland bekommen mussten, sondern daher, dass Abah zum golfen verabredet war.  Es müssen schließlich Prioritäten gesetzt werden. So wurde sich also artig beeilt und Jan hatte gerade mal Zeit ein paar Klamotten in meine Tasche zu werfen bevor es auch schon wieder weiterging.

Reiseziel waren die Cameron Highlands, eine Ansammlung von Bergen, die für ihr mildes Klima und viele Teeplantagen bekannt sind. Zunächst brachte uns der Bus nach Perak, wo wir einen Bekannten von meiner kleinen Gastschwester („Nablah friend“) treffen sollten, der dann unser Tourguide für die nächsten Tage sein sollte. Auf der etwa 3-stündigen Busfahrt von Kuala Lumpur nach Perak staunte Jan nicht schlecht über die endlosen Palmölplantagen. Grün so weit das Auge reicht. Ökologisch naja, ökonomisch rentabel.


In Perak wurden wir dann von Epit, dem Tour-Guide, aufgelesen. Epit sprach kaum englisch, verstand dafür aber die internationale Sprache des Lachens und des Tiere Imitierens. Außerdem freute er sich über jeglichen Versuch unsererseits malayisch zu sprechen. Das Beste allerdings war, dass Epit einen großen Truck mit Allradantrieb fuhr. Da ich mich ja vor noch nicht allzu langer Zeit von Struppi trennen musste, gerat ich völlig aus dem Häuschen.

Epit unser Tourguide und sein 4WDrive

Schon während der Fahrt von Perak nach Pehang, wo die Cameron Highlands liegen, wurde klar, dass Jan und ich die weißen bzw. schokobraunen Starmodels dieses Unterfangens waren. Während wir von meinen beiden Gastschwestern fleißig fotografiert wurden, wurde jeder andere gesichtete Weiße mit einem lauten „Orang putih!“ bejubelt, was besonders Epit viel Spaß bereitete. Nichts desto trotz vergaß er nicht uns die schönsten Orte auf dem Weg zu unserm Appartment zu zeigen.




Als wir dann endlich in unserer Herberge ankamen, waren wir alle ziemlich platt. Jan setzte sofort zu einem 12-stündigen Schlaf an, während der Rest von uns noch ein bisschen durch die Gegend streifte bzw. (in meinem und Epits Fall) noch ein bisschen Unfug im Appartment anstellte.


 
TAG 2: Hike to the rain

Es ist schwierig das erlebte nicht einfach in einer Reihe von gut 1000 Fotos darzubieten, denn auch am nächsten Tag ging das Fotoshooting weiter. An jeder erdenklichen Stelle wurde angehalten und zwischen 50 und 387 Fotos geschossen. Überhaupt schien sich der ganze Ausflug um Essen, Tee trinken und Fotos machen zu drehen. Aber es gab natürlich auch einiges zu besichtigen. So waren wir auf Malaysias bekanntesten Teeplantagen,


lernten die malayische Kultur in Form von „teh to go“ kennen


und betitelten das uns dargebotene Essen artig mit „semua sedap“ (alles lecker)


Schließlich wurde auch noch gewandert an diesem zweiten Tag in den Cameron Highlands. Durch Schlamm, Pfützen und Regenwald. Über Stock und Stein und zu guter Letzt entlang geteerter Straßen.


Doch während wir noch überlegten, was wir als nächstes aushecken könnten, verwandelte sich der milde Highland-Tea-Tag auf einmal in einen gewaltigen Regenguss. Und wenn es in den Tropen regnet, dann ist das nicht etwa ein zweit- bis drittklassiger Regenschauer, wie man ihn aus Aachen nur allzu gut kennt. Nein, dann regnet es so richtig. Dicke, fette Tropfen. Bäche werden zu Flüssen, Abwasserrinnen quellen über und auf Straßen sowie Wiesen bilden sich knietiefe Pfützen. Gut, dass wir unsern zuverlässigen Epit dabei hatten, der dem Regen trotzte und für uns das Auto holte. Zurück im Dorf hatte es dann natürlich auch aufgehört zu regnen, sodass wir zumindest das Abendessen in trockener und gemütlicher Runde zu uns nehmen konnten.


Tag 3: Montag ist Ruhetag

Montag Morgen stellte sich raus, dass Epits Auto mehr Ähnlichkeiten mit Struppi hatte, als zunächst vermutet. Es sprang nämlich nicht mehr an. Und trotz seines 4x4 drives schien aller Antrieb dahin.


Nachdem einige Pläne gemacht wurden, die alle irgendwelche Freunde oder Bekannte von Epit involvierten, die uns abholen und irgendwo hinfahren sollten, wurde natürlich in letzter Minute alles wieder verworfen. Der alte Allradantrieb ließ sich schließlich doch starten und schon war’s so als wär’ nie was gewesen. Gut, denn für diesen Tag war der Besuch auf einer Teeplantage geplant.
Als wir jedoch an derselben eintrudelten teilte man uns mit, dass Montag Ruhetag sei. So ging es uns dann noch bei einigen weiteren. Was tun? Natürlich. Alternativprogramm: an einen schönen Ort fahren und Fotos machen.


Es wurde dann allerdings tatsächlich noch ein sehr ereignisreicher Tag. Zunächst besichtigten wir eine Erdbeerplantage, auf der wir selber Erdbeeren ernten durften.


Dann kehrten wir den Teeplantagen den Rücken zu und fuhren zu einem Fluss am Fuße der Cameron Highlands. Nachdem zunächst die Bekleidungsvorschriften („nein Jan, du kannst da jetzt nicht in Boxershort rein...“) geklärt werden mussten, machten sich die Europäer daran das Wasser zu erkunden, während die Südostasier es vorzogen uns dabei zuzugucken, Fotos zu machen und Schmetterlinge zu jagen.


Das besondere an dem Fluss waren heiße Quellen, die überall versteckt das Wasser und den Boden aufheizten. Während zwei Chinesen einen warmen Pool für sich entdeckt hatten, versuchte ich die heißen Stellen zu vermeiden. Warum man in einem über 30 °C warmen Land heiße Quellen aufsucht wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Während ich noch über diese Frage nachgrübelte, ging’s auch schon weiter. Meine Gastschwestern hatten Jan und mir schließlich noch einen richtigen malayischen Pasar Malam (Nacht- bzw. Abendmarkt) versprochen. Und so schoben wir uns kurze Zeit später an unzähligen Malayen und noch unzähligeren Essensständen vorbei, wobei es von überall verlockend roch und in den buntesten Farben funkelte.





Derweil informierte man uns darüber, dass wir am Abend „homestay“ machen würden. Ich war schon ganz aufgeregt und fragte mich, ob es vielleicht ein selbstgekochtes malayisches Nationalgericht geben würde? Und wie wir uns wohl in einer fremden Gastfamilie zurecht finden würden? Doch wie sich herausstellte war Homestay nur ein Synonym für eine untervermietete Ferienwohnung. Trotzdem wartete noch ein wenig Landeskultur auf uns, da wir am Abend mit Nabilahs Freunden zum Essen verabredet waren. Fühlten wir uns vorher schon wie exotische Fotomodelle, so gipfelte dieser Abend in einer regelrechten Paparazishow. Alle Malayen wollten mindestens fünf Fotos mit uns haben und bald waren wir die guten „German friends“ aller Anwesenden. Freundschaftseinladungen, Kommentare und Fotos hagelten kurze Zeit später bei Facebook ein. Ja, ja der Deutsche als Statussymbol. Wer hätte das gedacht.




Tag 4: Back to the city

Und so war unser kleiner Ausflug auch schon wieder vorbei. Epit schaute noch einmal bei uns vorbei und brachte uns in seiner Mittagspause auch noch zu einem lokalen Mamak-Store, wo wir uns mal wieder die Bäuche vollschlugen. Und als wir gegen Mittag in den Bus stiegen waren wir alle traurig den lieben Epit in Perak zurückzulassen.


Die Fahrt zurück nach Kuala Lumpur nahm den größten Teil des Tages in Anspruch und als wir schließlich die Petronas Tower erreichten, blieb nur noch wenig Zeit bis wir auch schon mit Abah verabredet waren. Jan und ich flitzen einmal schnell durchs blitzblanke Einkaufszentrum, um dann erneut in ein Fotogewitter zu geraten. Oder, um es mit Abahs Worten zu sagen: „Ok. Last one...ok, one more...“


Auf dem Rückweg nach Serdang erklärte Abah Jan sein Weltbild, während wir Mädels uns auf der Rückbank entspannten. Dann wurde auch noch für Durian, eine fürchterlich stinkende Asiatische Frucht, angehalten, von der wir gleich mehrere Kilo kaufen mussten. Nachdem Jan zuvor allen tropischen Früchten verfallen war, musste auch er bei der „King of fruits“ etwas schlucken. Der unmittelbare Geschmack ist zwar süß und fruchtig, doch ein an Erbrochenes und Stinkefuß erinnernder Nachgeschmack bleibt noch für mehrere Stunden erhalten. Gut, dass Mak ihr weltberühmtes Nasi Ayam (Reis mit Huhn) gekocht hatte, dass der Geschmackimplusion des Durians zu trotzen wusste.

So kam es, dass ich mich mit zuverlässig prallgefülltem Bauch ins Bett legte und zufrieden von Teeplantagen und Fotoshootings träumte.


Tag 5: Kulturschock Singapur

Der nächste Tag ging gut los. Jan und ich mussten um 09:30 unsern Bus nach Singapur erwischen, was eigentlich kein Problem hätte sein sollen. Wäre da nicht der kleine Haken gewesen, dass wir ca. 10 Minuten nach dem wir das Haus verließen mitten in Kuala Lumpurs Vorstadtgebiet liegen blieben. Ratlos versuchte Mak erst immer wieder das Auto zu starten und dann einen Nachbarn zu Hilfe zu rufen. Doch der Nachbar war unerreichbar und der Motor sprang einfach nicht an. „This car already kaputt.“ So wurde die aktuelle Lage zusammengefasst.
Neben dem offensichtlichen Problem, dass wir es versäumten das einzige Taxi weit und breit anzuhalten, hatten Jan und ich auch beide kein Bargeld mehr. Die Lage sah also nicht sonderlich rosig aus. Doch plötzlich sprang der Motor doch wieder an und wir beeilten uns einzusteigen. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass wir es mit dem Zug nicht mehr rechtzeitig zum Bus schaffen würden. Also sprintete ich schnell zum nächsten Geldautomaten während Jan uns ein Taxi sicherte. Schnell noch verabschiedet und schon brauste das Taxi los in Richtung Innenstadt. Der Taxifahrer gab sein Bestes und wir hatten Glück, dass der neugebaute Tunnel frei war, sodass wir es kurz vor knapp Allah sei Dank noch zum Bus schafften.

In Singapur angekommen machten wir uns sogleich auf den Weg zum Hostel. Bereits beim Gang durch die Straßen und während der anschließenden Bahnfahrt kam uns Singapur erheblich unentspannter als Malaysia vor. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich immer nur aus dem geschäftigen Deutschland nach Singapur eingereist, doch jetzt nachdem wir 4 Tage malayische Tiefenentspannung hinter uns hatten, merkten wir sogleich, dass der Sekundenzeiger hier etwas lauter tickte. Fragte man an der Bahnhaltestelle nach Rat, wurde man mit kurzen Anweisungen auf einen Automaten verwiesen, bestellte man in einem Eckrestaurant was zu essen, wurde man ungeduldig abgefertigt und versuchte man auf der Straße oder in der Bahn schüchternen Augenkontakt mit jemanden aufzunehmen, musste man dem allgegenwärtigen Smartphone den Vortritt lassen. Singapur eilte, wuselte und ging seinen ganz eigenen Geschäften nach.


Auch wir hatten das Gefühl möglichst schnell auf Sightseeing Tour gehen zu müssen. So fanden wir uns bald im indischen Viertel wieder, das zwar an manch einer Stelle bunt und zuverlässig indisch geruchsintensiv war, insgesamt aber druch einen Hauch von singapurianischer Sturheit sowie Gleichgültigkeit geprägt wurde. Trotz allem ließen sich einige lustige Läden entdecken und nur mit großer Überredungskunst konnte ich Jan davon abhalten sich eine indische undercover Frisur schneiden zu lassen.


Wahrscheinlich war es wirklich nur die Umstellung von der netten Gesellschaft meiner Gastschwestern und des lieben Epits auf das geballte Treiben einer Großstadt, in der man niemanden kennt und in deren Anonymität man regelrecht untergeht. Auf jeden Fall schienen wir mit dieser Stadt nicht so wirklich in einem Takt zu schwingen. Wir liefen und liefen, bis die Füße schmerzten und wir uns ein wohlverdientes Tiger Bier gönnten. Und als Singapur uns dann bei Nacht mit all seinen Lichtern anfunkelte und uns nicht mehr den muslimischen Sitten folgend mit kühlem Bier verwöhnte, da konnten wir dann doch noch mit der großen Stadt unsern Frieden schließen.


So ging die knappe Woche in Südostasien mal wieder schneller rum als mir lieb war. Und während ich jetzt schon wieder am andern Ende der Welt rumturne, lässt sich mein weltreisendes Leben wohl so ganz gut auf den Punkt bringen:


Dienstag, 17. April 2012

Back in Brisbane – Der ganz normale Wahnsinn

Episode 1: Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden (japanisches Sprichwort)


Wir Deutschen beschweren uns ja schon mal gerne über das öffentliche Nahverkehrnetz, die deutschen Bahn oder einfach den allgemeinen fürchterlichen Zustand jeglicher Verkehrssysteme. Ich, als leidenschaftlicher über-den-Bus-Beschwerer-und-Aufreger stöhne meistens am Lautesten. Doch jedem, der sich über deutsche Züge, Busse oder Bahnen beschwert, kann ich nur einen Auslandsaufenthalt im Nahverkehrsentwicklungsland Australien empfehlen.
Es begann alles bereits früh am morgen meines ersten Arbeitstags, als ich sehr verwirrt an der Bushaltestelle vor Jonas Wohnung folgende Hiobsbotschaft zu lesen bekam:


Glücklicherweise stellte sich die Aufgabe 7 Meter näher an unseren Hausausgang ranzugehen als nicht zu schwierig heraus, doch während einige von euch vielleicht (zurecht) über dieses Schild schmunzeln werden, fass es das größte Problem der Busfahrerei hier sehr gut zusammen:
„...and ensure the driver can clearly see you hail.“
An besagtem “Brunswicks St“ stop 9 ist das noch nicht das Problem, da die Haltestelle zu meist von mehreren New Farmern (so heißt der Bezirk, in dem ich lebe) bevölkert ist und ich so darauf vertrauen kann, dass einer meiner australischen Mitwartenden in der Lage ist die richtige „Hailtechnik“ anzuwenden. Ich hingegen muss mich voll und ganz darauf konzentrieren herauszufinden, ob ich nun in einen Expressbus steige, der dann regelmäßig an meiner Umsteigehaltestelle vorbeirauscht und direkt in die Stadt fährt oder ob mich der Bus bequem im Valley absetzt.
Sollte ich es also erfolgreich geschafft haben das Valley zu erreichen (zur Erinnerung: 7 Meter zurück gegangen, Bus hat angehalten, ich bin in den richtigen Bus eingestiegen bzw. rechtzeitig ausgestiegen), beginnt der schwierige Teil der Busfahrerei. Es ist nämlich so, dass der Taigum Express, den ich am Besten zur Arbeit nehme, nur ca. halbstündig fährt. Dabei heißt es auf der Translink (Brisbaner Verkehrssystem) Seite, dass man damit rechnen muss, dass der Bus bis zu einer Viertelstunde vor der angegebenen Zeit ankommen kann, wobei er tatsächlich jedoch ca. 10 Minuten später kommt. Nun befinde ich mich also jeden Morgen in der Situation abzuschätzen, ob der Bus nun schon da war oder eben noch nicht. Das ist von daher wichtig, da der andere Bus (der zwar etwas länger braucht und bei dem ich weiter laufen muss), den ich noch nehmen kann, von einer Haltestelle 95 Meter weiter unten auf der Straße abfährt. Was mich nun wieder zu der richtigen Hailtechnik zurückbringt. Denn ein Bus hält nicht an, wenn man nicht unter dem Haltestellenschild steht und eben vollkommen korrekt hailt. Aber sas ist denn eigentlich nun „hail to the driver?“. Folgendes Abbildung macht die richtige Technik und Positionierung deutlich:


Wichtig dabei ist, dass der Arm genau den richtigen Winkel zum Rest des Körpers hat, wobei man bei Ausführung des Hails nah genug an der Straße stehen muss, um vom Busfahrer als erfahrener Hailer erkannt zu werden, aber weit genug weg, um nicht vom Bus überfahren zu werden. Sollte man z.B. Blickkontakt mit dem Busfahrer haben und diesem kurz zunicken, so nickt dieser freundlich zurück und rauscht an einem vorbei. Gleiches gilt für winken oder panisches Rennen (wobei eine Kombination aus beiden schon mal zu Erfolg führen kann). Ihr seht, es ist nicht so einfach einen australischen Bus davon zu überzeugen, dass man gerne mitfahren möchte.
Sollte man es schließlich in den Bus geschafft haben, gilt es sich und sein Gepäck so gut zu sichern wie eben möglich. Eine Busfahrt nach Chermside steht jeglichem Fahrgeschäft auf den Wiesen in nichts nach (außer vielleicht, dass es im Bus keine Möglichkeit gibt sich anzuschnallen). Während man also abwechselnd sich selbst von der Decke des Busses oder sein Gepäck vom Vordersitz auflesen muss, gilt es genaustens auf den Weg zu achten. Die Vorzüge eines Ansagesystems (selbst wenn erfahrene Kritiker jetzt anmerken werden, dass man deutsche Ansager sowieso nicht verstehen kann) sind noch nicht bis nach Australien durchgedrungen und ähnlich wie das richtige Hailen will das abgepasste Drücken geübt sein. Da der Bus in der Regel mit ca. 70 kmh über die Straßen brettert, darf man nicht so spät drücken, dass der Bremsweg für ein abruptes Stoppen nicht ausreicht. Hingegen darf auch nicht so früh gedrückt werden, dass man sich noch an der vorherigen Haltestelle befindet, denn dann scheint es eine moralische Verpflichtung zu geben genau an dieser Haltestelle auch auszusteigen.

Inzwischen bin ich natürlich ein erfahrener Profihailer und drücke mit eingeübter Coolness immer genau im richtigen Zeitpunkt. Und wenn man sich richtig zwischen die Sitze klemmt, kann man sogar ein paar Seiten während der Busfahrt lesen...


Episode 2: Deutsche Invasion in der Lab

Während ich im letzten Jahr noch als echte Exotin im Lab galt und nur mit einer Französin konkurrieren musste, bin ich inzwischen nur noch eine unter vielen. Tatsächlich würde ich nun mit Australischer Staatsangehörigkeit der Minderheit angehören. Während Michael eisern die grün-goldenen Farben aufrecht hält, lässt sich Shaun nur noch ein- bis keinmal die Woche blicken und Daniel ist inzwischen auch schon nach Europa geflohen, sodass Amtssprache im Lab nun zu Deutsch erklärt wurde (Michaels Sprachkenntnisse werden täglich besser).
Die restliche Belegschaft setzt sich wie folgt zusammen:
Frank, ein echter Dresdener Ingenieur, macht seinen gesamten Doktor hier. Jo, ein ehemaliger RWTHler, macht gerade Zwischenstation in Brisbane während seines Work and Travel Jahrs. Matthias, ein noch aktueller RWTHler, macht hier ein halbjähriges Praktikum. Neben uns Deutschen bringen David, ein kolumbianischer Masterstudent, und Yu („who me?“,“no not you, Yu...“) ein japanischer Masterarbeiter ein wenig Internationalisierung in den Arbeitsalltag. Nur am traditionellen Student-Monday erinnert man sich wieder, dass wir hier eigentlich in einer australischen Arbeitsgruppe sind.
Die gesamte Truppe (einschließlich der Studenten) ist inzwischen so angewachsen, dass unser letztes monatliches Treffen, an dem jeder sein Projekt und seine Arbeitserfolge kurz vorstellt, über 2,5 Stunden gedauert hat. Es wird also an allen Ecken und Enden des künstlichen Herzens eifrig optimiert und gebastelt.
Die Arbeit an sich ist nach wie vor sehr interessant. Während ich mich im alltäglichen Arbeitsbetrieb immer mit einer Wasser-Glyzerin Mischung einsaue, die die Viskosität von Blut imitieren soll, war wohl der spannendste Teil bis jetzt Shaun bei Versuchen am zunächst tierischen und schließlich sogar menschlichen Herzen zu assistieren. Wobei es genau bei diesen Versuchen ging, kann ich aus Geheimhaltungsgründen (beim Wort Patent hab ich reflexartig abgeschaltet) natürlich nicht erzählen, aber die Erfahrung ein Herz aus einer Leiche zu explantieren und danach Versuche damit zu machen, war wirklich ziemlich krass.


Dabei musste ich auch feststellen, dass an mir ein großes chirurgisches Talent verlorengegangen ist, als ich mit geübter Nadelführung die Löcher in der Herzwand wieder zunähte.



Episode 3: Die Qual der Wahl

Während ich seit meiner Ankunft in Brisbane von Meer, Sonne und Strand träumte, hatte Jonas da ganz andere Pläne für seine kleine Schwester. An meinem ersten Wochenende in „Queensland – Sunshine State“ standen Landtagswahlen an. Jonas hatte für diesen Tag eine große Versuchsreihe für seine Promotion geplant und so machten wir armen Würmer uns Samstag morgen um 06:00 Uhr auf den Weg mit Herzmessgeräten und Fragebögen bewaffnet, und bauten unser „Versuchslabor“ neben dem Wahllokal auf.
Bei der Studie ging es darum zu schauen, wie sich die Herzrate ändert, wenn Leute wichtige Entscheidungen treffen (so z.B. das Kreuz bei einer Wahl setzten) und ob es einen Zusammenhang zwischen ökonomischen Entscheidungen und ihrer Wahlentscheidung, ihrem Wohnsitz und anderen Eigenschaften (deshalb der Fragebogen) gibt. Während wir also in einem Wahlbezirk unsere Zelte aufgeschlagen hatten, besetzte ein anderes Team einen anderen. Beides Bezirke, in denen die Entscheidung zwischen Labour und Liberals noch ziemlich knapp ausfallen könnte.
In Australien herrscht Wahlpflicht und das allgemeine Wahlkampfprinzip scheint vorzusehen, dass man die Wähler am Eingang der Wahllokale noch von seiner Partei überzeugt. So mussten wir uns zwischen überdrehte Wahlkämpfer quetschen und die genervten Leute davon überzeugen, dass wir Forschung für die Uni machen wollten anstatt Werbung zu verteilen. Besonders erschwert wurde diese Aufgabe durch Kate Jones, die Kandidatin der Labourpartei für diesen Bezirk.


Unermüdlich sprang sie vor jeden ankommenden Wähler, ergriff sogleich eine freie Hand und schleuderte den verwirrten Ankommenden mit ihrem immer grinsenden Gesicht ein fröhliches „hey, how you’re doing?“ entgegen. Dies führte nun dazu, dass die Leute zu geschockt von diesem Zusammenstoß waren, als das sie sich auf Uniresearch hätten einlassen können oder aber sie hatten es geschafft ein Schlupfloch zu finden und stürmten froh der Gefahr entkommen zu sein direkt ins Wahllokal.
Erst als wir den Hintereingang, bei dem wir uns nur von den Hotdogverkäufern abheben mussten, auch noch sicherten, konnten wir eine halbwegs stetige Erfolgrate aufweisen.
Letztendlich schafften wir es aber doch ca. 80 Leute davon zu überzeugen während des Wählend einen Herzmonitor zu tragen und anschließend einen Fragebogen auf Ipads auszufüllen. Und das ganze in nur 10 Stunden.
Als wir schließlich diesen ersten sonnigen Tag, den ich in Brisbane erlebt hatte, hinter uns gebracht hatten, waren wir so platt, dass wir gegen 21:00 Uhr schon soweit waren ins Koma zu fallen. Ich versuchte mich noch etwas länger wach zu halten, da ich fürchtete, dass mich die überdrehte immerzu lachende Kate bis in meine Träume verfolgen würde. Das tat sie dann schließlich glücklicherweise nicht, vielleicht auch weil die Labour Party die Wahl hoffnungslos verloren hatte.
Auf jeden Fall blieb am nächsten Tag ausreichend Zeit an die Gold Coast zu fahren und endlich ins Meer zu springen (auch wenn es am nächsten Tag natürlich äußerst bewölkt war...).

Mittwoch, 4. April 2012

14.-18.03.2012 Melbourne


1. Tag: In 80 Kilometern durch Melbourne

Römischer Mythologie zur Folge ist Hermes unter Anderem der Gott der Reisenden. Etwas modernere Legenden besagen, dass ich zu den wenigen Auserwählten gehöre, die genau wissen wie sie Hermes in Zeiten des Weltenbummelns effektiv anbeten und so problemfrei und vor allem größtenteils schlafend die Welt durchqueren können. Dem Mythos zu Folge braucht man allerdings einen magischen Gegenstand (ähnlich dem eines muslimischen Gebetsteppichs oder eines gekreuzigten Jesus), mit welchem die Kommunikation zu Hermes erst möglich wird. Während ich also nun die ca. 16590 km zwischen Düsseldorf und Melbourne zurücklegte, baumelte eben jener magische Gegenstand zufrieden vor sich hinschlummernd in meiner verlassenen Wohnung in Aachen. So kam es, dass ich wie jeder übliche Amateur-Reisende müde und zermürbt nach 13 Stunden und 25 Minuten Non-Stop-Flug von Dubai nach Melbourne aus dem Flieger ausstieg und mich etwas orientierungslos nach meinem Gepäck umschaute (die mitgebrachte Deutschlandfahne hatte sich noch beim Sondergepäck versteckt).

Doch in Melbourne brach gerade ein neuer Tag an und so galt es Müdigkeit und Erschöpfung hinter sich zu lassen und die Eindrücke der Stadt aufzusaugen. Dazu hatte ich dann auch gleich ausgiebig Gelegenheit, denn nachdem ich naiv in den nächstbesten Bus eingestiegen war, befand ich mich doch tatsächlich am falschen Ende der Innenstadt. Eigentlich war ich mit Annika (einer Kommilitonin aus Aachen, die gerade ein Auslandssemester in Melbourne macht) an der Central Station verabredet, aber eben jener erstbeste Bus spuckte mich an der Southern Cross Station aus. Da an Gleis 9 ¾ leider gerade umgebaut wurde, musste ich wohl oder übel am Bahnhof warten bis Annika mich unter meinem Gepäckhaufen wiederfand. Denselben schleppten wir dann erstmal die ca. 3 km bis zu Annikas Studentenbude. Das Gebäude erinnerte von Außen ein bisschen an eine Mischung aus Gefängnis und heruntergekommenem Fabrikgebäude und war auch von innen ein bisschen kahl gehalten. Da die Zimmer immer nur semesterweise an internationale Studenten vermietet wurden, befand sich die Inneneinrichtung noch in der Aufbauphase, doch Annika arbeitete bereits fleißig am Aufschwung der Gemütlichkeit. Hilfreiche Unterstützung bekam sie dabei von ihrer kanadischen Mitbewohnerin und teilweise auch vom polnischen Mitbewohnern. Den Asiaten war der Werdegang der Wohnung allerdings sichtlich egal bzw. schienen sie sich sogar einer kontraproduktiven Verdreckungsbewegung angeschlossen zu haben.

Wir machten uns also schnell auf die Stadt zu erkunden. Bei strahlendem Sonnenschein schlenderten wir am Ufer des Yarra-Flusses entlang, gönnten uns einen dampfenden Kaffee in Melbournes kleinen Gässchen, staunten über die Graffittikunstwerke an den Häuserwenden und ließen uns einfach von Melbournes aufgeweckter Geschäftigkeit treiben. Gegen Mittag hatte Annika dann ein Vorstellungsgespräch für einen Job an der Uni, sodass ich ein bisschen Zeit hatte, meine müden Knochen auszustrecken und im Unipark ein halbes Stündchen vor mich hinzudösen. 


Danach ging’s aber direkt weiter und zwar in den Queens Victoria Garden, in dem wir ausgiebig picknickten. Da die Australier nicht nur hervorragend die Sonne anbeten können, sondern auch ganz gut in der Weinproduktion sind, wurden Brot und Aufstrich mit einem erfrischenden Weißwein gekürt. Bester Laune ging’s dann weiter durch den Park und den angrenzenden botanischen Garten. 


Inzwischen war ich mir schon nicht mehr sicher, ob ich noch Füße oder schon aufblasbare Kissen an meinen Beinen trug, doch der Tag war natürlich noch nicht vorbei. So tankten wir ein bisschen Energie im Wohnheim und machten uns anschließend auf den Weg in die Carlton Gardens. Dort galt es noch ein bisschen Wein zu genießen, dem australischen Volk beim Tennis zuzugucken und sich von Mücken vollkommen auffressen zu lassen (das galt vor allem für mich alten Süßbluter). Als wir schließlich wieder zurück zu Hause waren, ließ ich mich vollkommen platt auf meine Isomatte fallen. Ich bekam noch gerade so mit, wie Annika mir verkündete, dass ich jetzt Geburtstag hätte bevor ich zumindest kurzzeitig das zeitliche segnete.


2. Tag: Kaffeekranz mit Haien und Killerrochen

Solide 9 Stunden später erwachte ich etwas orientierungslos aus meiner Komastarre. Annika war beriets zur Uni gegangen und so hatte ich etwas Zeit mich zu akklimatisieren. Einen großen Kaffee und einen ausgepackten Haufen Geschenke später, war ich wieder topfit und bereit zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Ein Blick nach draußen verriet mir, dass ich mein angestammtes Geburtstagswetter mit nach Melbourne genommen hatte, denn es regnete in Strömen. Der ursprüngliche Plan eines Strandausflugs wurde also gleich wieder verworfen, doch ein bisschen Meeresleben sollte ich doch erleben dürfen.

Wie ich mich an meinem 25. Geburtstag wie an meinem 15. Geburtstag fühlte, Teil 1:
Los ging der aktive Teil des Tages also nun in Melbournes großem Aquarium (was eigentlich auch nur ein etwas schickeres Wort für „Zoo für Meerestiere“ ist). Pinguine, Haie, Riesenrochen, bunte Fische, farblose Fische (sogar durchsichtige), große Fische, kleine Fische, Korallen, Sägefische, Seesterne, Oktopusse, Seepferdchen, jedes erdenkliche Meeresgesocks tümmelte sich in verschiedenen Aquarium und wurde von uns mit „ah“-, „ih“-, „ohs“ und „hihis“ bestaunt und belacht. Die Fische schienen uns auf jeden Fall weniger aufregend zu finden als andersherum und da wir dann doch irgendwann einsehen mussten, dass sich langfristig hier keine tiefsinnigeren Freundschaften würden entwickeln können, machten wir uns wieder auf den Weg.


Das Wetter hatte sich nicht genug stabilisiert, um ein ernsthafteres Outdoorprogramm zu unternehmen und so hangelten wir uns von Kaffee zu Kaffee und schließlich zu leckerem Geburtstagskuchen in der WG. Der Kuchen wurde von edlem Goon (australischem Billigwein) begleitet und so begann...

...wie ich mich an meinem 25. Geburtstag wie an meinem 15. Geburtstag fühlte, Teil 2:
Annika hatte einen Tisch in einer Bar in der Innenstadt reserviert. Dieser war zwar als wir ca. eine Stunde zu spät dort ankamen schon von anderen besetzt, aber auch ohne Balkonplatz schmeckte das Essen hervorragend. Dazu gab es nach gutem alten „Ladys Night“ Donnerstagsangebot „Champagne“ (Achtung! Es kann auch schon beim lesen der folgenden Erlebnisse zu Kopfschmerzen kommen) für einen Dollar. So stieß ich also mit einer Traube internationaler Studenten mitten in Melbourne auf meinen Geburtstag an. Die ganze Szene wurde mit Hits, an die ich mich noch entfernt aus meiner Schulzeit erinnern konnte, unterlegt. Die Mädels mir gegenüber unterhielten sich derweil über einen ganz gut aussehenden, aber unglaublich alten Typen. Als sie mir mit großen Augen eröffneten, dass dieser schon 30 sei, beschloss ich doch lieber auf Bier umzusteigen und mich innerlich schmunzelnd für den Rest des Abends eher in die Beobachterposition zurückzuziehen. 


3. Tag: No cash on the tash

Was sich am vorherigen Abend noch als beiläufige Nebensächlichkeit dargestellt hatte, stellte sich am Freitag als richtiges Problem heraus: Irgendwie hatte es geschafft auf meinem Hinflug den Magnetstreifen meiner Bankkarte kaputt zu bekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch ganz gut mit Bargeld ausgekommen, aber nun stand ich etwas blöd da, als mir der ca. 10te Bankautomat verkündete, dass er „leider“ meine Karte nicht lesen könne. Derweil hatte Annika ihre eigenen Probleme mit der Geldbeschaffung mittels Kreditkarte (PIN Angabe nach Konsum von 1$ Champagne sollte weltweit verboten werden). So standen wir etwas bedröppelt in der Gegend herum und überlegten, was man wohl in Melbourne kostenlos und bei Regen so machen könnte. Erbost stieß ich meine Faust gen Himmel: „Hermes! Hast du mich etwa verlassen? Auch ohne magischen Gegenstand bin ich doch auf dich angewiesen!“ Doch das bewirkte nur, dass es noch heftiger regnete.

Am morgen hatte ich mich auf dem Weg zum ca. 500 Meter entfernten Melbourne Museum bereits verlaufen und auch wenn mich die dortigen Ausstellung vollkommen begeistert hatten, hatte ich inzwischen die Nase voll von Tagesabläufen, die nicht so liefen, wie ich mir das vorstellte. Als Antwort auf all unsere Sorgen und Probleme nahmen wir erst einmal die kostenlose Tram. Diese Touribimmelstraßenbahn fährt munter im Kreis um Melbournes Innenstadt herum und erzählt einem etwas über Sehenswürdigkeiten und deren Öffnungszeiten. So ließen wir den Regen regnen und die Bankkarten nicht bänkern und schauten uns Melbourne durch verschwommene, regentropfenbedeckte Tramfenster an.

Die Fahrt brachte uns schließlich zum Immigrantenmuseum (neue Fahrtziele können nämlich in der kostenlosen Tram schnell in den aushängenden Touribroschüren herausgesucht werden). Das Museum überraschte mich positiv. Insgesamt lässt sich festhalten, dass in Australien die Museen sehr liebevoll gestaltet sind. Selbst wenn es inhaltlich nicht so viel zu entdecken gibt, so gibt es immer kleine Geschichten zu lernen, etwas zum anzufassen oder zum auszuprobieren. So konnten wir uns z.B. in nachgebauten Kabinen eines Einwanderungsschiffes austoben oder per Knopfdruck die Geschichte verschiedener eingewanderter Nationen erfahren. 


Der Tag war schließlich so dahin geplätschert und hatte am Ende schließlich doch noch eine ganz schöne Wendung genommen. Schließlich zogen wir uns dann auch früh zurück, da am nächsten Tag der Besuch bei der Formel 1 anstand.


4. Tag: Das Schamhaar im Eis

Zum Frühstück wollten wir uns noch gut stärken, damit der lange Formel 1 Tag gut durchgestanden werden konnte. Annika hatte einen Gutschein für ein Pfannekuchenrestaurant und so machten wir uns gegen 11:00 Uhr auf den Weg zum Pancake Parlour. Auf Grund der schon etwas fortgeschrittenen Uhrzeit knurrte mein Magen ordentlich und sobald mein Pfannekuchen vor mir gelandet war, wollte ich mich gierig auf Eis, Sirup und Teigware stürzen, doch ein Entsetzensschrei von Annika hielt mich zurück. Mitten auf meiner Schokoeiskugel türmte sich ein schwarz geringeltes Haar. Dick und glänzend hatte es sich dort drapiert, als wolle es einmal in seinem Leben einen ruhmreichen Auftritt hinlegen wollen. Der verdutzte Kellner war sichtlich peinlich berührt (was mich wiederum belustigte, war es etwa sein Haar?) und verschwand mit meinem Frühstück inklusive Pfannekuchen und (Scham?)Haar wieder in der Küche. Kurze Zeit später kam er mit unbehaartem Eis und einem Haufen Gutscheine wieder. Es täte ihm so Leid, versicherte er uns mehrfach und Kaffee und Frühstück gingen natürlich auch aufs Haus. Ich dankte Hermes im Stillen für unser kostenloses Frühstück und überlegte, ob es sich lohnen würde für die Zukunft ein entsprechendes Haarexemplar immer parat zu haben (verwarf diesen Gedanken jedoch sowohl aus hygienischen als auch aus moralischen Gründen schnell wieder).

Der Tag war demnach gut angerollt und kaum waren wir am Formel 1 Gelände angelangt, wurden wir auch schon mit einer Kampffliegerflugshow begrüßt. Trotz einer gewissen angeborenen Ignoranz und Intoleranz gegenüber Kampffliegern, muss ich gestehen, dass es schon beeindruckend ist zu sehen, wie 7 Flugzeuge auf engstem Raum irgendwelche „Pirouetten“ (ja, ja, ich weiß keine angewandte Militärssprache) drehen.

Das eigentliche Formel 1 Gelände erinnerte dann ein bisschen an ein Open Air Fesitval. Nur dass anstatt von Bässen Motoren dröhnten, anstelle von Konzertbühnen Motorcrossrampen aufgebaut waren und im großen Albert Park See Jetskiwassershows vorgeführt wurden. Doch die Leute saßen auf Decken, Campingstühlen oder einfach auf der Wiese, tranken ein kühles Bier, aßen ne Wurst oder Pommes, unterhielten sich, schauten Leute oder Autos und sogen einfach die Atmosphäre auf.


Wir waren am Tag des Qualifyings da und hatten ehrlich gesagt nicht so viel Ahnung was wann und wie von Statten gehen würde. Auf einmal brummten mächtig laute Formel 1 Motoren los und panisch dachten wir schon, es würde jetzt schon alles losgehen, bis wir auf einer Leinwand herausfanden, dass es sich noch um das abschließende Training handelte. Am Ende hatten wir genügend Durchblick, um uns für das Qualifying einen ganz guten Platz zu suchen, auch wenn wir (leider) die Unfälle und Fahrfehler immer verpassten. Dass weder Sebastian Vettel noch Michael Schumacher (man lese diese beiden Namen bitte mit englischer Betonung) die Pole Position erreichten, war eigentlich eher nebensächlich und deshalb gar nicht so schlimm, denn der erlebnisreiche Tag hatte sportliche Enttäuschung mehr als nur wettgemacht.
Abends ging’s dann noch los St. Paddy’s Day feiern. Ganz in grün und mit Goon (sympathetische Kopfschmerzen sind erneut angebracht) bewaffnet hieß es nun wieder internationales Volk zu beobachten. Mir schien es als wäre Australien für viele das Land, in dem sie sich zu verwirklichen versuchen und für manche Wenige das Land, in dem sie innere Ruhe (und vielleicht auch Selbstverwirklichung) gefunden haben. (Meine Beobachtungen beruhen allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach auf einer Kombination von einem Tag in der Sonne sowie mehreren Gläsern Goon.)


5. Tag: Bye bye Melboure, welcome home?
Am nächsten Tag trennten sich Annikas und meine Wege. Während Annika sich auf zum entscheidenden Formel 1 Rennen machte, wollte ich den sonnigen Morgen noch auf dem Victoria Market genießen bevor dann nachmittags mein Flieger ging.

Solltet ihr je an einem sonnigen Sonntag in Melbourne sein, so kann ich nur empfehlen auf den Victoria Market zu gehen. Es ist ein bisschen wie ein asiatischer Nachtmarkt, nur eben in der morgendlichen Mittagssonne, ein bisschen ordentlicher und sauberer und bei europäischer Atmosphäre. An meinem Sonntag spielte beispielsweise eine französische Band, Chansons aller Art. Die wuselige Geschäftigkeit der Melbourner schien genau hier ihren Wochenhöhepunkt zu finden und wäre da nicht ein Zimmer voll Chaos und ein Flug am Nachmittag gewesen, hätte ich den ganzen Tag auf dem Viktoria Markt verplempern können.
Trotz meines rechtzeitigen Aufbruchs auf dem Victoria Market schaffte ich es natürlich mich für meine endgültige Abreise extrem zu verspäten und nur mit Glück („Im Namen des Hermes, aller Reisenden und des magischen Gegenstandes“) noch rechtzeitig für meinen Flug einchecken zu können (die ca. 12 kg Übergepäck bleiben an dieser Stelle unerwähnt).

Und so landete ich am Sonntag, den 18.03. um 17:55 Uhr wohlbehalten in Brisbane, wo Struppi bereits auf mich wartete und ich ein bisschen das Gefühl hatte zu hause angekommen zu sein.