Dienstag, 5. April 2011

März & April - Routine im Brisbaner Leben

Während man an einem morgen noch ein völlig Fremder in einer großen neuen Stadt ist, stellt man schon am nächsten Tag fest, dass das eigene Leben auf einen gefährlichen Strudel des routinierten Alltaglebens zusteuert.
So wache ich z.B. jeden morgen gegen 5 Uhr morgens auf, wenn sich die irischen Nachbarn auf den Weg zur Arbeit machen und gehe (wie sich das für einen guten Aussie gehört) so gut wie nie nach 23 Uhr ins Bett.
Um einen grobe Übersicht über die Fortgeschrittenheit meiner hiesigen Sesshaftigkeit zu verschaffen, habe ich die Woche mal für euch zusammengefasst.


Sushi-Monday

Der Montag beginnt meist mit einem ausgiebigen Kampf mit dem Wecker, der trotz mehrfachen Draufhauens einfach weiterhin darauf besteht, dass die Arbeitswoche nun beginnt. Mühselig schleppe ich mich zum Frühstückstisch, um die 2 (manchmal sogar schon geschmierten) Toast und den großen Becher Kaffee in Angriff zu nehmen. Wenn ich besonders struppig und verschlafen drein gucken, dann bereitet Jonas mir sogar mein Sandwich für’s Lunch vor (Avokado, Tomate, Käse und roasted Chicken).
Auf der Arbeit angekommen müssen zunächst die über’s Wochenende liegengebliebenen Emails abgearbeitet werden, dann werden alle Aufgaben in Angriff genommen, auf die ich am Freitag keine Lust mehr hatte. Lockere Kabel wieder angelötet, Fehlermeldungen im Computer behoben und Beschriftungen an meinem Modell auf den neusten Stand gebracht. Wenn ich schließlich mit dieser Arbeitswelle fertig geworden bin, ist es auch schon Zeit mein Sandwich in den Toaster zu schieben und anschließend zu lunchen. Mit so gefülltem Magen lässt sich natürlich erst einmal nichts verrichten, sodass nächste Arbeitsschritte sorgfältig geplant werden. Und wenn ich dann schon mal beim Planen bin, kann ich ja auch gleich schon mal herausfinden, was es denn noch so spannendes in den nächsten Wochen und vor allem am Wochenende zu entdecken gibt. Zu der Zeit, zu der Wochenarbeitsplan sowie Wochenendfreizeitsplan stehen, ist der Nachmittag bereits weit voran geschritten und es lohnt sich bei weitem nicht mehr mit irgendetwas anzufangen.
Zu Hause angekommen verschaffe ich mir dann erneut einen Überblick über das vom Wochenende übergebliebene Chaos und die in der Wohnung zu verrichtenden Aufgaben. Dann teile ich sie sorgfältig auf die verbleibenden Wochentage auf. Uff, von der ganzen Planerei knurrt mir jetzt aber ordentlich der Magen (das Sandwich um 12 Uhr ist schon längst Vergangenheit). Wo bleibt denn bloß der Jonas?
Da geht auch schon die Wohnungstür auf und der Jonas schneit herein, in der Hand eine große Tüte mit Sushi. Denn Montags, da ist Sushitag. Der Vasabi wird geschärft, die Schälchen mit Sojasoße gefüllt und die Stäbchen entzweit und dann wird ausgetauscht, was man sich für die kommende Woche alles so vorgenommen hat.


Burger-Tuesday

Am Dienstag fällt das Aufstehen bereits deutlich leichter. Die Bushaltestelle wird ohne mehrfaches, hektisches Umkehren (wegen vergessener Gegenstände) zeitlich erreicht. Und dann geht’s auch schon los.
Die Höhle der Engineers raucht bei der ganzen Beschäftigkeit, die ich an den Tag lege. Mein kleines Projekt wächst und wächst und immer wieder finde ich Ecken und Enden, an denen noch kleine Verbesserungen oder größere Zusätze dran unternommen werden können. Ich tüftle und knoble den ganzen Tag vor mich hin und ohne dass wirklich viel Zeit vergangen ist, wird es auch schon Zeit nach Hause zu gehen.
Dort angekommen lässt mein Magen verlauten, dass das 12 Uhr Sandwich nun schon eine ganze Weile her ist, doch zunächst muss noch die Wäsche abgehängt oder ein bisschen was für’s Frühstück eingekauft werden. Das hatte man ja am Montag wieder mal nicht gemacht.
Dann endlich der rettende Anruf vom Bruder. In einer halben Stunde am Burger Urge. Denn dienstags, da gibt’s Burger. Mitten in New Farm gibt’s nen Laden, der dienstags 2 Burger zum Preis von einem anbietet und so steht dem Chili-Chese Burger nichts mehr im Weg. Und auch der tollpatschige kleine Kellner freut sich inzwischen uns zu sehen. Wir sind ja schließlich so was wie Nachbarn.


Cafeteria-Wednesday

In meinem Notizbuch, das ich immer mit dabei habe führe ich eine Strichliste: Pro und Contra Australien. So gehen mir z.B. die unfassbar großen 50 Cent Stücke unheimlich auf die Nerven (wenn man auch nur 2 davon besitzt, braucht man für sein Portemonnaie einen Bollerwagen), wo hingegen mich das kulinarische Angebot hier so dermaßen von sich überzeugt hat, dass mir beim Gedanken an das baldigen Essen in der Pontstraße etwas flau im Magen wird.
Eine Sache, die ich wohl auf die Contra-Seite schreiben würde, wenn sie denn ganz Australien betreffen würde und nicht nur (wie Jonas mehrfach betont hat) meine Engineers, ist die Tatsache, dass alle immer ihr Mittagessen zu sich nehmen, während sie gleichzeitig weiter vorm PC hocken und ihre Paper lesen oder Daten auswerten. Ich gönne mir zu solchen Gelegenheiten in der Regel die letzte Ausgabe der Tagesschau oder ein kurzes Facebook update, doch selbst das finde ich für ein Mittagessen wenig interaktiv.
Doch der Mittwoch ist anders. Denn Mittwoch sind die meisten Students (Hiwis oder andere Studenten, die ein Projekt in der Arbeitsgruppe durchführen) anwesend und da fast immer irgendjemand sein Lunch nicht dabei hat (und weil ich sonst darauf bestehe) geht’s Mittwochs stets runter in die Cafeteria zum Speisen.
Das Gesprächsthema beim Essen dreht sich stets um die Frage, ob Fußball (also „real football“) oder Australian Rules Footy (also „here football“) die bessere Sportart ist. Dabei verlaufen die Argumentationen der beiden Seiten stets gleich. Für Fußball benötigt man einfach mehr „skill“ und man kann nur Tore erzielen, wenn man auch wirklich trifft (scheinbar bekommt man beim australian football auch Punkte, wenn man neben die Hauptstangen schießt). Während die AFL Fans argumentieren, dass ihre Sportart viel schneller sei und beim „soccer“ ja nie irgendwas passieren würde und am Ende stände es dann immer unentschieden.
Ich persönlich enthalte mich natürlich einer Meinung und genieße es einfach in Gesellschaft zu essen und ein bisschen etwas von der australischen Sportbegeisterung aufzuschnappen.


No-Name-Thursday

Ganz im Ernst, es muss ja auch nicht jeder Tag von Routine beherrscht werden. Ob ich nun früher ins Büro muss, weil mal wieder ein Tierversuch ansteht (ok, diesmal muss ich gestehen, dass mir der Hase wirklich Leid tat. Aber was nehmen die auch einen weißen Flauschigen?) oder ob ich am Abend spontan inspiriert ein Curry zubereite. Es ist einfach alles Möglich, denn mein Leben ist hier ja nicht festgefahren, sondern steckt voller schöner Überraschungen;-)


Flip-Flop-Friday

Freitag zählt ja eigentlich schon zum Wochenende. Deshalb hab ich einfach mal beschlossen, am Freitag heißt es Röckchen um die Hüfte und Thongs an die Füße, damit das Wochenende passend eingeläutet wird.
Da Arbeit übrig bleiben muss, die auf Montag verschoben werden kann und da mein Blick in der Regel so ab 2 Uhr Nachmittags vor Wochenendssehnsucht  zu explodieren droht, werden Freitags die Zelte etwas früher als gewöhnlich abgebrochen und es geht noch ein bisschen in die Stadt oder an den Fluss bevor ich Jonas dann auf das ein oder andere Feierabendbier treffe.
(Und falls es dann noch ins Casino geht, hab ich natürlich auch noch Casino zulässige Schuhe griffbereit parat!)


Adventure Weekend

Sitzen zwei Aussies am Strand. Sagt der eine: „Sag mal hast du das auch gesehen?“ Fragt der andere: „Den großen weißen Hai, der da in Richtung Ufer geschossen und dann in einer Welle verschwunden ist?“
Hah, aber es war gar kein Hai! Es war ein Joli in ihrer ersten Surfstunde! Und wenn man mal davon absieht, dass ich vielleicht hätte lenken lernen sollen bevor ich fast jedes Mitglied meines Kurses mindestens einmal umgesaust hatte und dass ich mir für nächstes Mal „Achtung! Ich reflektiere, kein direkter Augenkontakt“ auf meine weiße Haut tätowieren lassen sollte, bin ich der festen Überzeugung, dass mir eine große Surfkarriere bevorsteht! Immerhin stand ich ganze drei Mal auf dem Brett (obwohl ich mich liegend zugegebener Maßen deutlich schneller und natürlicher fortbewegen konnte), Blick zum Strand, Welle im Rücken.
Der gesamte Surfsamstagmorgen war ein voller Erfolg und als ich aus dem Wasser kam war nur noch eine Frage offen: Wann kann ich das nächste Mal surfen?
Jonas war da Gott sei Dank erstmal ein wenig zurückhaltender, schlug vor sich zunächst ein bisschen die Gold Coast  anzugucken und versicherte mir, dass ich noch mal die Gelegenheit bekommen würde zu surfen. Ich noch vollkommen im Wellenrausch und (wie sich später herausstellte) mit leichtem Sonnenstich stimmte allem enthusiastischst zu.
Wir erkundeten also noch verschiedene Strände der Gold Coast und aßen schließlich in „Surfer’s Paradise“ (da fühlte ich mich gleich wie in einem ganz neuen zu Hause) einen riesigen Burger (und das obwohl es gar nicht Dienstag war).
Danach brachen Sonnenstich, sportliche Höchstleistung und neue Sportbegeisterung alle in einem über mich hinein, sodass ich nur noch erschöpft vor mich hin dösen konnte bis ich um 21:00 Uhr nach einem erlebnisreichen Tag an der Gold Coast endlich schlafen gehen konnte.

So wachte ich topfit (ok, ich hatte zugegebener Maßen an allerlei Stellen verschiedene Grade an Muskelkater) und ausgeschlafen am Sonntag morgen um 7 Uhr auf. Das konfrontierte mich zunächst mit der Frage, was man um 7 Uhr morgens an einem Sonntag wohl so macht, denn diese Situation war glaub ich eine echte Premiere. Doch da ich nun ja auch einen australischen Bruder habe, ließ sein Erwachen nicht lange auf sich warten und so saßen wir schon bald bei französischen Croissants und einer Tasse Kaffee beim Frühstück und planten den Tag.
Er sollte uns vornehmlich zu den Koalas führen. Das erste Tagesziel: Das „Koala Sanctuary, Brisbane“. In Deutschland würde man so was wahrscheinlich Wildpark nennen und man würde allerlei Rehe, Wildschweine, Frischlinge, Ponys und Esel sehen. Und genau so war es dann auch, nur halt mit anderen Tieren. Und alles drehte sich in erster Linie um den Koala.


Meinen persönlichen Highlights  begegneten wir gleich am Anfang. Direkt neben dem Retirement Home befand sich der Kindergarten. Ob da wohl auch Beschwerden wegen Ruhestörung eingehen?



Danach erreichten wir das Haus der jungen und besonders verspielten Koalas...


...alle schliefen.


Etwas weiter konnte man sehen, dass wohl am Abend vorher ne große Party unter den Tieren im Sanctuary stattgefunden hatte. Sogar der Lizard hatte nen riesigen „Hang over“.


Der Anfang im Tierreich war also eher schleppend. Doch es gab tatsächlich auch Aktivität in der Tierwelt. Als wir gegen Mittag zu einer Vogelfütterung antraten, erklärte uns die Mitarbeiterin des Sanctuary, dass die Vögel etwas scheu seien und vielleicht nicht direkt kommen würden. So passierte wenige Sekunden nichts, doch dann kam eine Schar von „Rainbow Lorikeets“ herunter ein (wahrscheinlich durch den asiatischen Anteil der Menge verursachtes) Ohhh ging umher und dann waren die bunten Vögel auch schon überall. Die Futternäpfe, die jeweils von 2-10 Vögeln besetzt waren konnte man die Hand nehmen, wobei An- und Abflug der Lorikeets einen erstaunlich Rückstoß zur Folge hatte.
Einmal durch den Vögelsturm aufgeweckt schienen alle Tiere aus ihren Schalflöchern herausgekommen zu sein, sogar die Wombats und das Schnabeltier.

der stolze Lizard
ja, auch Wombats sehen blöd aus
Jonas freundet sich mit dem Strauß an
der Strauß reagiert mit Desinteresse
 Nur die Koalas und auch die Kängurus, die schliefen natürlich weiter. Alles andere wäre auch viel zu aufregend gewesen.



Nach dem Tierpark fuhren wir dann noch zum Mount Coot-Tha, einem Berg im Südwesten von Brisbane. Da ich auf der Hungerskala zunächst erst ca. 7 (von 10) anzeigte, schlug Jonas vor noch den botanischen Garten zu besuchen. Dieser erwies sich als sehr, sehr groß und botanisch, wobei mir persönlich besonders die Ausstellung verschiedener Bonsaibäume im Gedächtnis geblieben ist (war ich nun gewachsen oder die Welt geschrumpft?).
Doch je länger wir durch den Botanischen Garten streunten, desto lauter meldete sich besagtes Grummeln in meinem Magen. Schließlich war klar: Essen muss her und zwar recht schnell!


Und was könnte schöner sein als ein spätes Lunch mit Ausblick über ganz Brisbane? (Eigentlich nur ein spätes Lunch, das in weniger als einer halben Stunde serviert würde.)

Als wir endlich wieder in unserer kleinen Wohnung in New Farm angekommen waren, da stand auch schon der nächste Programmpunkt auf dem Tagesplan. Picknick im Park und anschließend den Abend beim australischen Sunday Night Comedy ausklingen lassen (der australische Humor erwies sich als erstaunlich dreckig und natürlich passagenweise unmöglich zu verstehen).

So schlief ich am Sonntag Abend  tief ein, wie ein dicker, zufriedener Koala und träumte von Sushi, Burgern, Coffee, wilden Tieren und großen Wellen. 

Ps: Every day is Ginger Beer day! Es gibt wirklich nicht, was mehr erfrischt als ein kaltes Ginger Beer, wenn man nach einem ereignisreichen (oder auch ereignislosen) Tag nach Hause kommt!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen