Trotz guter Vorsätze zum neuen Jahr, stets wiederkehrender „Achja-Momente-der-Blog“ und sehr erlebnisreichen vergangenen 10 Monate, habe ich es versäumt eifrige Reiseberichte nachzulegen. So frage ich mich jetzt: sind ellenlange Reiseberichte noch zeitgemäß? Passen 1500 Wörter persönliche Erfahrungen überhaupt noch zwischen Coffee-to-Go’s, Emailschecken an Bushaltestellen, nur-mal-eben-kurz bei Facebook reinschauen, die spektakulärsten Online-Schlagzeilen, allgemeine Quantität, auf den Punkt gebrachte Kurzinformation der digitalen, modernen Onlinewelt, nur mal eben schnell und zwischendurch? Nun sitze ich hier, gerade mal 27 Jahre alt und schon schimpfend wie rheinische Marktweiber, überrollt von der Kurzlebigkeit unseres alltäglichen Seins, eine Spur altmodisch vielleicht, nichts desto trotz, anpassungsbereit. Anpassen also: In der Kürze liegt die Würze. Der Vorsatz ist gefasst: Informationsschnipsel meines Lebens auf den Punkt kürzen und hochfrequenter aufs digitale Papier bringen. Los geht’s.
Als ich also letztens mit einer Sektflasche (selbstverständlich im nordamerikanischen Papptütenlook) in der einen und einer schwarzen Teflonpfanne, 29 cm im Durchmesser, in der anderen Hand durch Kitsilano lief, fiel mir auf, dass die Leute guckten. Es war kein unangenehmes Glotzen oder aufdringliches Starren, es war eher eine belustigte Interaktion zwischen mir, der Sektflasche, der Pfanne und den andern Fußgängern. Ein kurzes Aufblicken von den Smartphones, Ausstöpseln der Kopfhörer, einen Lachen, ein Nicken, ein flotter Kommentar, erstaunte Blicke, Sonnenschein. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Nicht etwa, weil ich mittels Sektflasche und Bratpfanne die Nachbarschaft zu erheitern schien, sondern, weil ich mich Teil des Ganzen fühlte. Meine Schritte fanden ihren Weg iwe von selbst, mein Kopf war entspannt. Eben noch zum Metzger, schnell noch beim China-Türken rein, dann noch Grillanzünder im Supermarkt besorgen. Schritte, die noch vor einiger Zeit unbekannt waren, aufregend, neu, nun automatisiert und normalisiert. Angekommen in Kits, die stille kleine Schwester des modernen Vancouvers.
Kitsilano ist also unser, Jan und mein, neues zu Hause. Zwischen internationaler Vielfalt, veralteten „Real-time-hippies“ (so gibt es hier beispielsweise ein 24-Stunden geöffnetes vegetarisches Restaurant direkt gegenüber) und internationalen Berühmtheiten, die sich riesige Häuser direkt an den Pazifik setzen, versucht der Stadtteil einen Mittelweg aus hipper, spießiger, weltoffener Kleinbürgerlichkeit zu finden. Abenteuerlich zusammen gehämmerte Holzhäuser in allen, Farben, Formen und Größen, phantasievoll gestaltete Gärten, schattenspendende Kastanien, Platanen, Kirschblüten- und Ahornbäume; letztere U-förmig zurecht geschnitten, um neben dem oberirdischen Stromnetz friedlich zu existieren. Liebevoll angelegte, beblumte Minik-Kreisverkehre auf den Nebenstraßen, elektrische Busse auf den großen Verkehrsadern. Kleine Geschäfte neben angesagten Cafés, größeren Ketten, Supermärkten oder Obst- und Gemüsehändlern auf der 4th Avenue und dem Broadway, alte Autoreifen und Holzbretter zu Schaukeln und Kletterhilfen zurechtgeschustert in, um, und an Bäumen befestigt in den übrigen schachbrettförmigen Straßen des Stadtteils.


Wie es sich für Vancouver-Neuling so gehört, wohnen wir in einem sogenannten „basement apartment“, kühle, dämmerige, finanzierbare Gemütlichkeit zwischen inflationären Preisen auf Vancouver’s Wohnmarkt. Aber wen stören schon niedrige Decken und graues Morgenlicht, wenn der Pazifik einen Steinwurf entfernt ist, das Gemüse in den eigenen Beeten eingepflanzt ist und eine eigene kleine Terrasse nur darauf wartet für den Sommer hergerichtet zu werden? So lebt es sich hier vor sich hin; schnell gefundener Alltag im überschaubaren Kitsilano, irgendwo im Südwesten von Kanadas großer Stadt im Westen.
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Vancouver in der Ferne. 20 minutes down the road...
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| 3rd Avenue, Blick auf unsere Straße |
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| Einen Steinwurf entfernt: Der "secret beach" |






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