Montag, 10. September 2012

15.08. – 29.08. Besuch in Vancouver: Teil 2



Episode II: Play Ball – nordamerikanische Sportbegeisterung – but be careful not to drop it!

Wir als Europäer vergessen oft, dass wir unsere Identität mit in die Wiege gelegt bekommen. Ob nun fröhlich heitere rheinländische Mentalität, urbayrische engstirnige Denkweise oder nüchterne nordische Seemannsphilosophie, unsere Verhaltens- und Denkweise basiert auf Jahrhunderten der Sitten, Bräuche und Traditionen.
Junge Städte wie Vancouver hingegen versuchen permanent ihre Identität zu finden. Während man in den 20er Jahren noch Las Couver redete, versuchte man in den 50ern zum New York der Westküste aufzusteigen und weitere 30 Jahre später bekam man den Hongcouver Stempel aufgedrückt. Die Stadt versucht sich weiterhin jung zu präsentieren, was sie durch eine gewisse Öko-organic-Hippiementalität sowie ein Künstler und Musiker Kultur zu realisieren vermag. Doch als Europäer kann man nicht umhin das ganze mit einer „Bemühte-sich-stets-sehr-Attitüde“ zu belächeln. 

In mitten dieser „midlife crisis“ spielt Sport natürlich eine ganz große Rolle. Allgemein ist in Kanada Eishockey der größte und beliebteste Sport und nicht nur einmal kam es in Vancouvers Vergangenheit zu einem ausschreitenden Volksaufstand auf Grund eines verlorenen Eishockeyspiels (um genau zu sein verlor man 2 mal den Staneleycup im entscheidenen 7. Spiel). Doch in den Sommermonaten, ruht die Eishockeyliga und so rücken andere Sportarten in den Vordergrund. Während Fußball, Tennis und Golf ab und zu mal durch die Medien huschen, rücken Baseball und Canadian Football in den Vordergrund. So machten Felix und ich uns also auf uns die beiden Sportarten einmal von näherem zu begutachten.

Die Vancouver Canadians (ja, ja, sehr kreativer Name) spielen Baseball in der Minor League, was ist in etwa mit Deutschlands 2. Fußballbundesliga gleichzusetzen ist. Das Spiel, das wir uns ausgesucht hatten wurde zwischen dem ersten, den Boise-Hawks (Idaho-USA) und dem zweiten, den Vancouver Canadians, der Liga ausgetragen. Als wir zu den Tickettischen kamen, um unsere Eintrittskarten abzuholen, sahen wir überall Schilder, dass das Spiel ausverkauft sei. Das versprach eine mitreißende Stimmung. Zunächst kümmerten wir uns um ein echtes Stadionhotdog mit Stadionpommes und dann bezogen wir unsere Plätze schräg hinter den Schlägern, mit guter Sicht über das ganze Spielfeld.



Die Sitzränge waren zu diesem Zeitpunkt vielleicht zu ca. 30% gefüllt, doch es war ja auch noch relativ früh. Neben mir saßen zwei scheinbar eingeschweißte Baseballfans mit Caps und T-Shirts, die schon gebannt aufs Spielfeld starrten. Sonst wuselten jedoch überall Menschen hin und her, holten Bier, Hotdogs, Popcorn oder Riesensandwiches und hielten nur kurz inne um der amerikanischen und kanadischen Hymne zu lauschen, welche den Beginn des Spiels einläutete. Als die quietschende Akustik der Stadionanlage endlich überstanden war, ging das Spiel los, was allerdings niemanden (bis auf meine bewegungslose Sitznachbarin) zu interessieren schien. Es wurde gepitched, daneben geschlagen, getroffen, gelaufen, geworfen, gefangen, nicht gefangen, Spieler rausgekegelt und sogar ein paar Punkte gemacht. Dabei versuchten wir immer schön an den richtigen Stellen zu jubeln, wobei mir das nicht immer ganz gelang, denn der Unterschied zwischen einem Strike (Schläger hat versagt) und einem Ball (Pitcher hat versagt) ist nicht ganz so einfach zu verstehen, zu mal die Aufgabe des Schiedsrichters zu sein scheint, möglichst kurz das Ereignis anzuzeigen und danach seinen Helm vom Kopf zu reißen. So sah ich mich doch das ein oder andere Mal mit strengen Seitenblicken konfrontiert, als ich an falscher Stelle klatschte (in Fachkreisen spricht man auch von der höheren Kunst der Baseballsymphonie). Während ich vorher gehört hatte, dass es beim Baseball oft recht wenig Punkte gab, lief es bei uns doch ganz gut. Beide Teams brachten einige Leute durch, sodass es nach 4 Innings noch recht ausgeglichen 5:3 für Boise stand. Es hatte jedoch den Anschein, dass dies den Größteil der Fans recht wenig interessierte. Das Stadion war immer noch höchstestens zu 50% gefüllt und die Leute schienen sich mehr auf Essen, quatschen und das Fangen von fehlgeschlagenen Baseballs zu konzentrieren, als auf das Geschehen auf dem Platz.

Anfang des siebten Innings wurden alle auf einmal ganz aufgeregt, denn offensichtlich stand bald eine Pause an. Das sogenannte „seventh-inning stretch“ erwies sich dann auch als Highlight des Baseballabends. Die „grounds crew“, die dafür sorgt, dass die Aschezone des Platzes glatt gefegt wird, fing einen unbeholfenen Tanz an, während alle Zuschauer laut jubeln.

 
Im Stadion liefen große Sushirollen-Maskotchen rum, die jeder einmal anfassen wollte. Die „kiss cam“ suchte das Publikum nach begeisterten Pärchen ab, die sich dann in die Arme fielen und gespielt schüchtern einen Schmatzer gönnten. Das Stadion war während dieser Spielunterbrechung zwar immer noch nicht komplett gefüllt, aber ein Großteil der Ränge waren doch besetzt. Und als auf einmal auch noch der Ententanz losging, sprang sogar meine regungslose Sitznachbarin auf und stimmte begeistert in Gesang und Hinterngewackel ein. Wir waren bei all dem Geschehen derweil einfach nur verdutzt.


Nach dieser Unterhaltungseinlage hielten die meisten Gäste es nun aber auch wirklich mal an der Zeit zu gehen. Hinzukam noch, dass es zu diesem Zeitpunkt 11:3 für die Amerikaner stand, es so langsam kalt wurde, die Kinder müde quengelten und die Eltern am nächsten Tag arbeiten mussten. Die Besucher, die noch übrig blieben, tranken weiter Bier und versuchten mit mehr oder viel mehr weniger gekonnten Tanzeinlagen auf der Videowand zu landen. Überhaupt schien das Ziel als Baseballzuschauer zu sein entweder einen Baseball zu fangen oder aber mindestens ein mal auf der Videowand aufzutauchen.
Wir verfolgten derweil das eigentliche Spiel bis zum bitteren Ende und obwohl die Canadians noch auf 6:11 rankamen, konnte die Niederlage nicht mehr abgewendet werden. Doch darum schien es ja auch gar nicht zu gehen und so machten wir uns um eine schöne Erfahrung bereichert auf den Weg nach Hause.

Einige Tage später stand auch noch Sommersportartnr. 2 auf dem Programm: College Football. Canadian und American Football unterscheidet sich eigentlich nur in der Anzahl an Versuchen, die ein Team hat 10 yards zu überwinden, bevor das Ei wieder an das andere Team abgeben werden muss. Auf den ersten Blick lässt sich jedoch kein Unterschied zwischen American und Canadian Football erkennen: Dicke, dünne, große, kleine, träge, flinke, kräftige und schmächtige Männer reihen sich an der Seitenlinie auf und warten auf ihren Einsatz. Da das Spiel, das wir uns anschauen wollten, ein Vorbereitungsspiel der UBC (University of Columbia) war, hatte der Coach sich noch nicht für den endgültigen Kader entschieden, sodass sich ca. 96 Menschen an der Seitenlinie aufreihten.


Wie sich im Laufe des Spiels herausstellte hatte das junge Uniteam aus Vancouver Vorbereitung auch noch bitter nötig. Einer ihrer Quaterbacks (das sind die, die das Ei werfen oder weiterpassen) war zwar ein guter Läufer, aber ein nicht ganz so guter Werfer. Der nächste, der schon in seinem letztem Jahr war, war zwar ein guter Werfer, aber dafür inzwischen ziemlich lahm. Der dritte schien weder werfen noch laufen zu können. Nach dem dritten Quater lag Vancouver schon recht weit zurück und das Zuschauen wurde ein wenig frustrierend. Doch dann kam der vierte Quaterback, Dominik Bundschuh, ins Spiel. Dieser konnte sowohl werfen, als auch recht flink davon laufen und geriet unter Druck auch nicht in Panik. Dass nun ein Österreicher der Beste Quaterback des Teams war, war schon etwas bezeichnend. Bezeichnend war dann auch, dass der Hotdogstand pünktlich zur Halbzeit neue Würstchen auf den Grill legen musste und keine zu vekaufen hatte. Logistische Höchstleistung, wo doch der Ansturm zur längsten Spielpause vollkommen unerwartet kam.


Insgesamt kann man vielleicht festhalten, dass die nordamerikanischen Sportarten recht langwierig sind. Während einige vielleicht sagen würden, dass das daran liegt, dass hier viel Lärm um nichts gemacht wird, erlebe ich das Ganze doch etwas anders. So ein Sportereignis ist hier ein Teil der Kultur und Tradition. Sich das Spiel anzugucken ist viel mehr als nur mit seinem Team mitzufiebern, es geht viel mehr darum Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, den Spielern auf dem Feld Anerkennung und Unterstützung zu zeigen, den Mittwochabend oder Sonntagmittag gebührend mit „Game Day“ zu betiteln und so Teil eines größeren Ganzen zu sein. Ein kleines Puzzelstück in der Suche nach der eigenen Identität. 


Episode III: Vancity – Vansterdam – Hongcouver: Die Stadt mit den vielen Gesichtern

Eine Stadt, die Meer, Strände, Berge, Buchten, Fähren, Wolkenkratzer und Segelflugzeuge hat, ist eine Stadt, die sich hervorragend und gleichzeitig ganz und gar nicht für einen Kurzurlaub eignet. Einerseits gibt es natürlich sehr viel zu besichtigen und zu sehen, aber andererseits ist es unmöglich das Flair der Stadt in so kurzer Zeit vollständig in sich aufzusaugen. Und als ob die Diversität der geographischen Lage nicht schon genug zu bieten hätte, muss man sich auch noch mit der kulturellen Vielfältigkeit herumschlagen. Im Osten Vancouvers lag z.B. lange Zeit ein Viertel, das hauptsächlich von Italienern und Griechen bewohnt wurde, doch als Chinatown immer weiter aus Downtowns heraus wuchs, wurden viele der Südländer noch weiter in die Vororte gedrängt, während andere eisern in ihren Läden und Straßen ausharrten, sodass man heute mitten in Chinatown einen der ältesten italienischen Supermärktchen, welches seit 1930 in fester (Mafiosi?) Familienhand ist, finden kann.

 
Vielleicht ist es wirklich am Besten unsere Stadtbesichtigungen kulinarisch einzuteilen. 

1. British – Fish&Ships: Für den ersten Tag hatte ich gleich eine der schönsten Aktivitäten geplant. Südlich der Halbinsel, auf der sich Downtown befindet, gibt es einen langen Fußgängerweg unterhalb der False Creek Bucht. Bei strahlenden Sonnenschein spazierten wir entlang des Wassers, vorbei an Segelboten, Wassersportlern, Gänsen, Joggern, Radfahrern und anderen Touristen. 



An einem kleinen Bootshaus gab’s zur kurzen Stärkung Fish&Ships bevor wir uns weiter auf den Weg zu meinem Lieblingsstrand, Kitsilano Beach machten, wo wir uns erholten und den Sonnenuntergang genossen.

 
2. Japanisch – Shushi, Tempora & Yakitori: Ganz bei mir in der Nähe befindet sich der sogenannte Commercial Drive. Dieser hat alles zu bieten, was der Feinschmecker, Biertrinker, Kaffeeliebhaber oder sonstige Exot so zu suchen vermag. Orientalische Restaurants sehen von außen so aus, als ob man aus Holzschalen trinkt und von Bauchtänzerinnen bedient wird, alternative Kaffees bieten vegetarisches, veganes und (ganz wichtig!) Gluten freies Essen an. Das belgische Bierkaffee hat die größte frisch gezapfte Bierauswahl in Nordamerika. Beim Argentinier gibt’s Steak, beim Mexikaner Wraps. Türken, Griechen und Italiener bieten in Minisupermärkten frisches Gemüse und heimische Spezialitäten an. Für moderne Business Leute gibt’s saubergeleckte Stehkaffees. Und die Krönung des ganzen ist ein kleiner Park, in dem Kinder spielen, Penner betteln, Alt-Hippies Gitarre schrummeln und alle gemeinsam einen Joint rauchen.


Wir entschieden uns schließlich für ein kleines japanisches Restaurant, in dem ich auch schon an meinem ersten Abend gegessen hatte. Neben dem verdammt gutem Essen konnte man dort live beobachten, wie Fisch vom Koch mit einem Brenner flambiert wurde. Außerdem wurden die Sushiplatten mit wunderschönen Rettichblumen verziert, die zudem noch ganz hervorragend schmeckten.

3. Japanisch/Kanadisch – Japadog: Kanadischer Volkssport ist unter anderem Essenswagen mit diversen Sauereien aufzustellen und die Leute mit kreativen Perversitäten zum snacken zu überreden. In Vancouver gibt es ganze Touren, die sich einmal durch die „Food stands“ futtern, wobei „Pig on the street“ ein Wagen, bei dem jedes Gericht (auch Gebäck) Schweinespeck enthält, das absolute Highlight zu sein scheint. Wir wagten uns an einen Japadog heran. Man muss wissen, dass die Kanadier ihre Hotdogs lieben. Smokeys, wie die gesmokte Wurst auch genannt wird, schmeckt zwar wie abgelaschte Schuhsohle (zumindest im Vergleich zur deutschen Wurst), doch tut man genügend Senf und Ketchup hinzu, lässt sich das ganze Gebilde gut verzehren. Nun kam jemand besonders Cleveres auf die Idee, man könne so einen Hotdog ja auch einfach mit japanischen Zutaten verfeinern. Klingt absurd, ist aber gut. Zumindest wenn man auf abgefahrenes Essen steht.


4. Afrikanisch/Nordamerikanisch – Yamfries: Ich muss gestehen, dass ich schwer verliebt bin. Und zwar in die Süßkartoffel. Allein schon der Name: Yam. Wunderbar. Was Yam heißt, muss auch „yummy“, also sozusagen Yam-my sein. Doch damit nicht genug. Denn direkt an der Waterfront, im Norden Downtowns, mit Blick auf die Berge, zwischen dem Wasserflugflughafen und der Hauptanlegestelle für Kreuzfahrtschiffe, gibt es einen Pub, der nicht nur frisch gezapftes lokales Pils verkauft, sondern auch noch super leckere Yam Pommes anbietet. Ich glaube wir waren innerhalb einer Woche gleich dreimal da, denn der Joli ihr Yam, ist von nun an wie dem Holländer seine Kartoffel.

5. Griechisch – Moussaka & Souvlaki: Einen etwas kleineren Commercial Drive, dafür aber komplett in homosexuell, gibt es in Downtowns Süden. Auf der Davie Street findet man ebenfalls allerlei Restauraunts, Kaffees, Kneipen, Bars, Bäckereien, Fastfoodläden und Bistros. Wir hatten uns für einen Griechen entschieden, bei dem die Schlange in der Regel bis zum nächsten Restaurant reicht.


Wir (schon vorgewarnt) waren allerdings rechtzeitig da, sodass wir nur einige Minuten warten mussten, bevor wir so richtig reinhauen konnten. Das Essen war phantastisch, aber auch ziemlich viel, sodass ich mich am Ende kaum noch bewegen konnte. Gott sei Dank rollte Felix mich bergab in die English Bay, wo wir am Strand den Abend ausklingen ließen.

6. Mediterranian/Exotic – Platter for 2: Wie man sich nun vielleicht denken kann, herrscht in Vancouver eine recht große Konkurrenz zwischen Gaststätten, da es einfach unzählige davon gibt. Doch fast alle lassen sich irgendetwas besonderes einfallen, um neue Gäste zu locken. So gibt es im Sanafir Dienstag Abend alles Essen zum halben Preis (ob der Lebensmittellieferant dort immer Mittwochs kommt, sollte man wohl besser nicht mutmaßen). Während ich auf einem ca. 30 cm tiefem Launchstuhl irgendwo unterm Tisch verschwunden war, konnte Felix die Geschehnisse auf der Granvillestreet, eine der belebtesten Straßen Vancouvers gut beobachten. Busse, Bullen, Punks, Tussen, Zuhälter, Skater, Rocker, Schnösel, Backpacker, Musiker, Tracker, Stöckler, Penner, Studenten und Touristen scheinen sich zu gleichen Teilen über die Granvillestreet zu schleppen, da auch hier das Angebot wieder weitumfassend ist (vom Sexshop bis zum Nobelschuppen, aber das ist eine andere Geschichte). Wir genossen also eine zusammen gewürfelte Essensplatte, mit Fleischbällchen, frittiertem Gemüse, Linsensalat, Calamaris, Spare ribs und Brot, Felix die Sicht und ich den Wein. Schlemmen im Herzen Vancouvers.


7. Italienisch – Gelato: Wer gewinnt einfach mal 2012 das Florence Gelato Festival? Richtig, ein Kanadier. Die Bella Gelateria liegt praktischer Weise direkt neben meinem neuen Yam-fries Lieblingspub, sodass sich zwei Leidenschaften gut mit einander verbinden lassen. Dabei überzeugt die Eisdiele nicht nur mit ihrer Lage oder etwa mit ihrem vorzüglichen Schokoladeneis, sondern auch mit Mut zum ungewöhnlichen. So kürten Felix und ich „salziges Karamel“ zum Sieger der probierten Eissorten.


Natürlich haben wir uns nicht nur durch Vancouver durchgegessen, sondern sind auch ordentlich über die Straßen gewälzt. Doch die Geheimnisse und Anekdoten der Stadt hebe ich mir (soweit sie noch nicht verraten habe) für ein anderes Mal auf.

 
Episode IV: Von Bergen und Bären: Warum Berge stets rufen und Bären keine Limonade verkaufen

Ein großes Muss in Vancouver, laut Reiseführer und auch andern Internationalen, mit denen ich gesprochen hatte ist der Grouse Mountain. Naiv wie ich war und bin, zudem auch nicht aus meinen Fehlern lernend, dachte ich mir, dass so eine kleine Wandertour ein schöner Programmpunkt für den Wochenendfeierabend sei. So nahmen wir am Freitag Nachmittag den Seabus in Richtung Nordvancouver, stiegen in einen Bus um und ließen uns am Fuße des Berges absetzen. Dort trafen wir auf allerlei Leute, die sich dehnten und stretchten, Joggingschuhe sowie Laufhosen trugen und uns mit hoch motivierter Miene entgegen blickten. Der Kanadier schien so einen Aufstieg sportlich ernst zu nehmen, doch nach meiner Erfahrung der olympischen Spiele, bei denen jeglicher Versuch des Abschneiden eines kanadischen Teilnehmers in höchsten Tönen gelobt wurde (nach dem letzten Platz heißt es hier nämlich „tremendous effort!“), beunruhigte mich das ganze noch nicht. Guten Mutes ging es also los. Immer bergauf. Über Wurzel, Stock und Stein. Und wieder über Wurzel, den nächsten Stock und dann den nächsten Stein, wobei sich alles immer ca. 2 Meter über dem vorherigen befand. Als ich gerade bereit war, meine Lunge das erste Mal auszukotzen, verkündete ein nüchternes Schild, nun sei das erste Viertel des Weges geschafft. Hallelujah! Ich hatte zwar gelesen, dass der Trail 2.9 km lang sei, aber von den 853 zu überwindenden Höhenmetern war nirgendwo die Rede gewesen (oder aber ich hatte den Teil gekonnt verdrängt). Die schlaksigen, durchtrainierten Bergstürmer, die uns von hinten überholten, waren genauso wenig motivierend wie hechelnden Halbleichen, die wir am Rande der Strecke zurückließen. Zumal ich mir sicher war, dass mein Kopf mindestens genauso rot und mein T-Shirt wahrscheinlich noch verschwitzter war, als die der pausierenden andern Verrückten, die sich an diesen Aufstieg begeben hatten. Das einzige, was am Ende tatsächlich ein bisschen Beine machte, waren Kommentare bezüglich unserer Alltagskleidung, da diese immerhin raunend als zusätzliches Hindernis erkannt wurden.


Nach etwas mehr als einer Stunde hatten wir es dann tatsächlich geschafft. Die Gipfelstation war erreicht, die Lunge zerplatzt, der Körper entschwitzt und die Muskeln übersäuert. Wer wissen möchte, wie man nach diesem http://www.grousemountain.com/grousegrind Trail so aussieht der schaue sich die nachfolgenden Bilder an, wer nichts von Zombiekunst hält, scrolle bitte schnell weiter nach unten.



Oben wurde man dann jedoch belohnt. Zunächst natürlich mit einem kühlen Bier, dann mit einer atemberaubenden Aussicht und schließlich auch noch mit dem Anblick zweier Grislibären. Diese verkauften zwar keine Limonade (neben einem Nahtoderlebnis hatte ich während des Aufstiegs auch gewisse Wahnvorstellungen), saßen dafür aber drollig und munter in ihrem Gehege.




 
Anschließend ging’s dann mit der Gondel wieder bergab, da der Trail runter einfach zu steil und gefährlich ist. Während wir auf die Stadt zusteuerten, neigte sich schließlich auch der Tag zu Ende und so tauchten wir in Vancouvers Nacht ein.


Nach dieser extremen Bergerfahrung stand mir der geplante Sonntagsausflug nach Whistler ein bisschen vor Kopf. Noch so eine Kraxeltour hätte ich nun wirklich nicht überlebt und so wandte ich das Unheil ab, in dem ich mir am Samstag auf ebener Strecke und ohne sichtbares Hindernis (es schien dann doch eine leicht hervorstehende Wurzel zu geben) den rechten Mittelzeh brach. Dies boykottierte zwar nicht den Trip an sich, aber doch behinderte es mich ausreichend, um Berggipfelerklimmungen zu vermeiden.

So wurden die Programmpunkte auf der Whistlertour also recht überschaulich gestaltet. Dreimal Wasserfall, zweimal See und ein langer Spaziergang.





Das absolute Highlight ereignete sich allerdings am Vormittag. Ich hatte gerade mein Aufwachritual mit einem Sprung in den See beendet und versuchte mich daran durch die Sonne spazierend etwas zu trocknen, als wir vor uns auf dem Weg auf einmal ein kleinerer Menschenauflauf erblickten. Felix scherzt: „Da sind jetzt ein paar Bären. Und die Mama sitzt gleich daneben.“ Ich hatte nämlich noch kurz vorher den Funfact zum Besten gegeben, dass Bären nur gefährlich sind, wenn sie Junge im Schlepptau haben. Kaum hatten wir also den Menschenauflauf erreicht, sahen wir im Gebüsch, glücklich vor sich hinmümmeln eine Bärenmama mit ihren zwei Jungen. Da wir nicht ganz so mutig wie der ein oder andere tollkühne Tourist waren, muss man leider viel Vorstellungskraft walten lassen, um wirklich einen Bären im Gebüsch erkennen zu können, aber ich denke, die dürfte jeder von euch aufbringen können. 


Whistler ist also auf jeden Fall einen Ausflug wert. Auch wenn’s noch nicht schneit und man sich noch zu Fuß durch die Gegend begeben muss. Und nach meinem Fazit ist Whistler im Gegensatz zu Victoria richtig authentisch touristisch, wobei der Versuch ein Alpendorf nach Nordamerika zu bringen in einem touristischen Mountain-Phantasialand geendet ist.

Japanischer Funfact of the day: In Japan sagt man, dass Leute, die jemanden vermissen einen ganz langen Hals bekommen, weil sie immer nach der geliebten Person Ausschau halten. Ich hoffe also, ihr seht alle aus wie Giraffen, wenn ich wiederkomme!

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