Sonntag, 30. September 2012

Fairytails Vancouver: Teil 1


Gastown – Vancouvers ältester Stadtteil

In fast allen Städten gibt es Andenken an irgendwelche berühmten Persönlichkeiten. Mal sind es die Stadtgründer, mal Ureinwohner, die es im späteren Leben weit gebracht haben oder einfach nur symbolische Figuren, die über die Zeit in die Philosophie und Tradition der Stadtgeschichte eingegangen sind. So stapeln sich in Bremen beispielsweise die Stadtmusikanten, während man in Bonn einem grimmigen Beethoven begegnet oder in Aachen vom großen Kaiser Karl bewacht wird. In Vancouver hingegen gibt es Gassy Jack.

 
Gassy Jack steht an einer Ecke des ältesten Stadtviertels Vancouvers, nämlich Gastown. Von dort aus überblickt er wohlwollend das geschäftige Treiben der Touristen und Einheimischen, die in Cafes, Geschäfte oder Wohnhäuser strömen, ihm einen kurzen Blick zuwerfen und sich fragen, was diese berühmte Persönlichkeit in seinem Leben wohl vollbracht haben könnte, dass man nach ihrem Vorbild sogar eine lebensechte Statue errichtet hat. Die Antwort auf diese Frage ist recht simpel: Gassy Jack hat Vancouvers ersten Pub eröffnet. Ja, ihr habt richtig gehört, Vancouvers berühmtestes Stadtkind ist ein Kneipenbesitzer.

Damals hieß Vancouver noch nicht Vancouver, sondern Granville. Der Arbeitsmarkt in der Stadt sah zu dieser Zeit ungefähr wie folgt aus: Entweder man holzte Bäume, oder man rollte Holzstämme in Richtung Hafen, oder man ölte diese Holzstämme ein, damit sie besser rollten, oder man lud Holz auf Schiffe, oder man lud Holz auf Eisenbahngüterwagons, oder man holzte Bäume. Natürlich gab es auch schon damals das etwas gehobenere Volk, welches die Arbeiter und ihr Wohnlager stets im Auge behielt. Die Arbeiter wiederum schien das alles recht wenig zu interessieren, sie arbeiteten ihre 10 Stunden am Tag ab und begaben sich dann auf einen ca. 2-stündigen Marsch zum nächsten Pub (höchstwahrscheinlich waren es größtenteils Iren).

Gassy Jack nun, war für nicht so viel bekannt, außer dass er ein unheimlicher Schwadlappen war. Man muss ihm allerdings zu Gute halten, dass er eine Marktlücke erkannte, wenn er sie sah. So lieh er sich eines Abends ein Ruderboot von einem Fischermann aus, ruderte in den Vorort mit dem einzigen Pub in der Umgebung und schwatzte dem Besitzer ein ganzes Fass Rum ab. Leider ging dabei auch ein Großteil seines Vermögens drauf. Als er nun endlich mit seiner Frau und seinem Fass Rum in unmittelbarer Nähe des Arbeiterviertels ankam, hatte er keine Mittel irgendeine Art von Etablissement hochzuziehen. Doch Gassy Jack war clever. Er bat die Arbeiter um Mithilfe: Sie sollten ihm ein geeignetes Gebäude bauen, während er im Gegenzug mit ihnen sein gerade erstandenes Rumfass kostenlos teilen würde. Es heißt die Hämmer und Sägen seien vom Himmel gefallen und keine 24 Stunden später stand Vancouvers erstes Pub. Danke Gassy Jack!

Mit der ersten Kneipe erhielten auch schon bald Opium und andere Drogen Einzug in die Gegend, was wiederum den anständigen Teil der Bevölkerung nach Ruhe und Ordnung schreien ließ. Dafür führte man einen neuen Wachmeisterposten ein und besetzte ihn mit einem bestechlichen Gauner, der passender Weise auch noch den Nachnamen Brew trug. Herr Brew war tatsächlich zumeist betrunken und wenn man ihn fragte, warum er nicht für Ordnung sorgte, zuckte er nur mit den Schultern und sagte, dass er ja schließlich kein Gefängnis zur Verfügung stehen hatte. Daraufhin wurde ein Gefängnis gebaut, Herr Brew entlassen und ein neuer Wachtmeister mit dem Job der Straßenordnung beauftragt. Dieser hatte nun die Aufgabe Brew sowie seine Trink- und Drogenkollegen Abends in die Zellen zu verfrachten. Die Regel war hierbei ganz einfach: Die Tür blieb unabgeschlossen und wer am Morgen wieder in der Lage war die Tür zu öffnen durfte gehen. Die Straßen waren wieder sicherer, das Gesindel hatte einen Platz zum schlafen und alle waren zufrieden. Kanadischer Pragmatismus.

"Gaoler" ist ein altes Wort für "Jailor" (Gefangener)
Auch sonst ist Gastown hauptsächlich für seine Kneipenkultur bekannt. So ist eine Kneipe namens „Lamplighter“, die erste Kneipe Vancouvers, in der auch Frauen Alkohol ausgeschenkt bekamen (Frauenrechtler waren in Vancouver sowieso sehr stark vertreten). Zwar gab es noch einen separaten Eingang und abgesonderten Bereich, aber dafür durften die Frauen hier rauchen und trinken wie ihre Männer nebenan. Auch der Name kommt nicht von ungefähr denn zu der Zeit gab es einen einzigen Lichtanzünder, der in Gastown arbeitete und jeden Abend die Gaslampen vor jedem einzelnen Pub anzündete (der arme Mensch musste wahrscheinlich schon mehrere Stunden vor Dunkelheit anfangen, bei der Kneipendichte zu der damaligen Zeit).


Gastowns berühmteste Sehenswürdigkeit ist allerdings die Dampfuhr. Gastowns Steam Clock ist jedoch lange nach Gassy Jacks Zeiten entstanden und war wahrscheinlich die Idee irgendeines benebelten Späthippys. Die in 1977 errichtete Dampfuhr ist jedoch ein perfektes Symbol für das heutige Gastown, da sie wunderbar die Mischung aus alt und neu zeigt. Da viele Häuser und Straßenzüge noch vom Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten sind, haben sich Städteplaner überlegt, wie sie das vergangene, alte Flaire des Stadtteils erhalten können. So ergänzen nun also die (wohlgemerkt elektronisch angetriebene) Dampfuhr, schwarz-gebogene Straßenlaternen und rotes Kopfsteinpflaster die alten Straßen und Gebäude.


Eine kleine Geschichte gibt es aus diesem Stadtteil noch, die von den Kanadiern nicht ohne ein Fünkchen Schadenfreude erzählt werden kann. Auf Gastowns Hauptstraße gibt es eine sehr bekannte Kunstgalerie, die sich besonders auf „Native Art“, also Kunst von Kanadas Ureinwohnern, spezialisiert hat. Diese besuchte unter anderem Bill Clinton während seiner Amtszeit als amerikanischer Präsident, um Geschenke für seine Familie zu kaufen. Unglücklicher Weise (also unglücklich für den armen Bill) fand sich eine kleine hölzerne Bärenstatue einige Zeit später in Monica Lewinskys Wohnung wieder und konnte so zum Aufdecken der ganzen Affäre beisteuern. Hill’s Native Art Gallery schweigt, genießt und wartet auf den nächsten Tölpel, der sich von ihren Produkten verführen lässt.


Das war's für heute von mir. Ich hoffe euch geht's allen gut. Viele Grüße aus dem märchenhaften Vancouver.

PS: Funfact aus meinem Arbeitsleben: Um in mein Büro zu kommen, muss ich 11 mal 11 Treppenstufen hochgehen. Da sag ich mal Alaaf und prost! Manche Dinge ändern sich wohl nie...



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