Gastown – Vancouvers ältester Stadtteil
In fast allen Städten gibt es Andenken an irgendwelche
berühmten Persönlichkeiten. Mal sind es die Stadtgründer, mal Ureinwohner, die
es im späteren Leben weit gebracht haben oder einfach nur symbolische Figuren,
die über die Zeit in die Philosophie und Tradition der Stadtgeschichte
eingegangen sind. So stapeln sich in Bremen beispielsweise die Stadtmusikanten,
während man in Bonn einem grimmigen Beethoven begegnet oder in Aachen vom großen
Kaiser Karl bewacht wird. In Vancouver hingegen gibt es Gassy Jack.
Gassy Jack steht an einer Ecke des ältesten Stadtviertels
Vancouvers, nämlich Gastown. Von dort aus überblickt er wohlwollend das geschäftige
Treiben der Touristen und Einheimischen, die in Cafes, Geschäfte oder
Wohnhäuser strömen, ihm einen kurzen Blick zuwerfen und sich fragen, was diese
berühmte Persönlichkeit in seinem Leben wohl vollbracht haben könnte, dass man nach ihrem Vorbild sogar eine
lebensechte Statue errichtet hat. Die Antwort auf diese Frage ist recht simpel: Gassy Jack
hat Vancouvers ersten Pub eröffnet. Ja, ihr habt richtig gehört, Vancouvers
berühmtestes Stadtkind ist ein Kneipenbesitzer.
Damals hieß Vancouver noch nicht Vancouver, sondern
Granville. Der Arbeitsmarkt in der Stadt sah zu dieser Zeit ungefähr wie folgt
aus: Entweder man holzte Bäume, oder man rollte Holzstämme in Richtung Hafen,
oder man ölte diese Holzstämme ein, damit sie besser rollten, oder man lud Holz
auf Schiffe, oder man lud Holz auf Eisenbahngüterwagons, oder man holzte Bäume.
Natürlich gab es auch schon damals das etwas gehobenere Volk, welches die
Arbeiter und ihr Wohnlager stets im Auge behielt. Die Arbeiter wiederum schien das alles recht
wenig zu interessieren, sie arbeiteten ihre 10 Stunden am Tag ab und begaben sich
dann auf einen ca. 2-stündigen Marsch zum nächsten Pub (höchstwahrscheinlich
waren es größtenteils Iren).
Gassy Jack nun, war für nicht so viel bekannt, außer dass er
ein unheimlicher Schwadlappen war. Man muss ihm allerdings zu Gute
halten, dass er eine Marktlücke erkannte, wenn er sie sah. So lieh er sich
eines Abends ein Ruderboot von einem Fischermann aus, ruderte in den Vorort mit
dem einzigen Pub in der Umgebung und schwatzte dem Besitzer ein ganzes Fass Rum
ab. Leider ging dabei auch ein Großteil seines Vermögens drauf. Als er nun endlich
mit seiner Frau und seinem Fass Rum in unmittelbarer Nähe des Arbeiterviertels
ankam, hatte er keine Mittel irgendeine Art von Etablissement hochzuziehen. Doch Gassy Jack
war clever. Er bat die Arbeiter um Mithilfe: Sie sollten ihm ein geeignetes Gebäude bauen, während er im
Gegenzug mit ihnen sein gerade erstandenes Rumfass kostenlos teilen würde. Es heißt
die Hämmer und Sägen seien vom Himmel gefallen und keine 24 Stunden später
stand Vancouvers erstes Pub. Danke Gassy Jack!
Mit der ersten Kneipe erhielten auch schon bald Opium und andere
Drogen Einzug in die Gegend, was wiederum den anständigen Teil der Bevölkerung nach Ruhe und
Ordnung schreien ließ. Dafür führte man einen neuen Wachmeisterposten ein und besetzte ihn mit einem bestechlichen Gauner, der passender Weise auch noch den
Nachnamen Brew trug. Herr Brew war tatsächlich zumeist betrunken und wenn man ihn
fragte, warum er nicht für Ordnung sorgte, zuckte er nur mit den Schultern und
sagte, dass er ja schließlich kein Gefängnis zur Verfügung stehen hatte.
Daraufhin wurde ein Gefängnis gebaut, Herr Brew entlassen und ein neuer
Wachtmeister mit dem Job der Straßenordnung beauftragt. Dieser hatte nun die Aufgabe Brew sowie
seine Trink- und Drogenkollegen Abends in die Zellen zu verfrachten. Die Regel
war hierbei ganz einfach: Die Tür blieb unabgeschlossen und wer am Morgen
wieder in der Lage war die Tür zu öffnen durfte gehen. Die Straßen waren wieder
sicherer, das Gesindel hatte einen Platz zum schlafen und alle waren zufrieden.
Kanadischer Pragmatismus.
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| "Gaoler" ist ein altes Wort für "Jailor" (Gefangener) |
Auch sonst ist Gastown hauptsächlich für seine Kneipenkultur
bekannt. So ist eine Kneipe namens „Lamplighter“, die erste Kneipe Vancouvers,
in der auch Frauen Alkohol ausgeschenkt bekamen (Frauenrechtler waren in
Vancouver sowieso sehr stark vertreten). Zwar gab es noch einen separaten
Eingang und abgesonderten Bereich, aber dafür durften die Frauen hier rauchen
und trinken wie ihre Männer nebenan. Auch der Name kommt nicht von ungefähr
denn zu der Zeit gab es einen einzigen Lichtanzünder, der in Gastown arbeitete
und jeden Abend die Gaslampen vor jedem einzelnen Pub anzündete (der arme
Mensch musste wahrscheinlich schon mehrere Stunden vor Dunkelheit anfangen, bei
der Kneipendichte zu der damaligen Zeit).
Gastowns berühmteste Sehenswürdigkeit ist allerdings die
Dampfuhr. Gastowns Steam Clock ist jedoch lange nach Gassy Jacks Zeiten
entstanden und war wahrscheinlich die Idee irgendeines benebelten Späthippys.
Die in 1977 errichtete Dampfuhr ist jedoch ein perfektes Symbol
für das heutige Gastown, da sie wunderbar die Mischung aus alt und neu zeigt.
Da viele Häuser und Straßenzüge noch vom Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten
sind, haben sich Städteplaner überlegt, wie sie das vergangene, alte Flaire des
Stadtteils erhalten können. So ergänzen nun also die (wohlgemerkt elektronisch
angetriebene) Dampfuhr, schwarz-gebogene Straßenlaternen und rotes
Kopfsteinpflaster die alten Straßen und Gebäude.
Eine kleine Geschichte gibt es aus diesem Stadtteil noch,
die von den Kanadiern nicht ohne ein Fünkchen Schadenfreude erzählt werden
kann. Auf Gastowns Hauptstraße gibt es eine sehr bekannte Kunstgalerie, die
sich besonders auf „Native Art“, also Kunst von Kanadas Ureinwohnern,
spezialisiert hat. Diese besuchte unter anderem Bill Clinton während seiner
Amtszeit als amerikanischer Präsident, um Geschenke für seine Familie zu
kaufen. Unglücklicher Weise (also unglücklich für den armen Bill) fand sich eine kleine hölzerne
Bärenstatue einige Zeit später in Monica Lewinskys Wohnung wieder und konnte so
zum Aufdecken der ganzen Affäre beisteuern. Hill’s Native Art Gallery schweigt,
genießt und wartet auf den nächsten Tölpel, der sich von ihren Produkten
verführen lässt.
Das war's für heute von mir. Ich hoffe euch geht's allen gut. Viele Grüße aus dem märchenhaften Vancouver.
PS: Funfact aus meinem Arbeitsleben: Um in mein Büro zu
kommen, muss ich 11 mal 11 Treppenstufen hochgehen. Da sag ich mal Alaaf und
prost! Manche Dinge ändern sich wohl nie...




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