Samstag, 21. Juni 2014

Blogeintrag 21.06. - Deutschlandzeit

Jan fragt: “Wie ist denn nun Deutschland?“ Ich überlege. Ja, wie ist denn nun Deutschland? In erster Linie ist alles irgendwie klein. Die Autos sind winzig, die Straßen sind eng, die Häuser sind schmal, die Menschen sind schlank, die Portionen überschaubar, ja sogar das Geld scheint irgendwie auf schwer wiegende Minimünzen und Scheinchen geschrumpft zu sein und als ich heute morgen die Spülmaschine einräumte kam ich mir vor wie Gulliver auf Liliput.

Fahrräder existieren, fahren, sonnen sich und parken einfach überall. Vancouver ist für nordamerikanische Verhältnisse schon sehr Fahrrad freundlich. Es gibt viele Fahrradwege und die Umgebung lädt zu Fahrradtouren ein. Aber genau das ist auch der Unterschied: Man benutzt die Fahrräder für längere Touren, Ausflüge oder zur sportlichen Betätigung. Nicht jedoch für schnelle Besorgungen, zum einkaufen oder um mal eben in die Stadt zu fahren.


„Wir Deutsche“ sind also wuselige Miniaturwesen, die durch den Alltag radeln. Doch auch zu Fuß fällt mir einiges auf. Wer ausversehen anrempelt (oder angerempelt wird) entschuldigt sich nicht. Im Gegenteil, mit grimmiger Miene wird der Gegenspieler an den Pranger gestellt und mit funkelnden Augen gemustert. Zu Fuß gehen hat insgesamt etwas Gehetztes, die Leute strömen, drängen, drücken und wuseln, ja sogar das Blindensignal an den Fußgängerampeln animiert eher zum losrennen also zum schlendern. Diese Geschäftigkeit ist irgendwie reizvoll und vertraut, aber gleichzeitig fühle ich mich auch ein wenig gestresst. Überhaupt scheint dieses und jenes jedermann und jedefrau in unglaublichen Stress zu versetzen: Die Sparkasse hat zu viel Kleingeld zu verfrachten, der Mediamarkt zu viel Kunden zu versorgen und die deutsche Bahn bricht schon beim Gedanken ans Pfingstwochenende in Schweiß aus. Kundenservice ist sowieso allen ein Dorn im Auge.

Das Wetter präsentiert sich (ausnahmsweise?) während meiner Zeit in Deutschland von seiner schönsten Seite und so finde ich mich öfter auf Bürgersteigen oder Fußgängerzonen in irgendeinem Café wieder. Restaurants und Cafés sind zu meiner großen Freude sehr viel lebendiger in den Alltag integriert, als in Vancouver. Man sitzt sozusagen mittendrin. Als ich eines Mittags in einem dieser Cafés in der Bonner Fußgängerzone saß, bemerkte ich eine andere Deutschheit, die ich sehr vermisse: „Komm, ich lad dich ein.“, sagte eine junge Frau am Nebentisch zu ihrer Freundin. Einladen. Einladen ist in Zeiten der Kartenzahlung und automatischen Rechnungsaufteilung im Reich der unbegrenzten (eingeschränkten) Möglichkeiten nicht mehr üblich. Wer hätte das gedacht, dass ich von allen Dingen eines Tages die deutsche Gesellig- und Großzügigkeit vermissen würde?
 

Zwei weitere Dinge fallen mir auf: Deutschland ist weniger smart und mehr am qualmen. In Vancouver, einer der gesündesten Städte der Welt (in British Columbia liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen inzwischen bei 96!), sieht man eigentlich nie jemanden rauchen. Deutschland hingegen qualmt. In Cafés, in gelbabgezeichneten Kästen an Bahnhöfen, in Raucherquadraten an Flughäfen, an Straßenecken, an Ampeln, am Rhein, an der Elbe, im Park, im Auto, einfach überall. Ganz überraschend finde ich das allerdings nicht. Es würde quasi schon an Unvernunft grenzen, die Freiheit überall ein Bierchen trinken und eine Zigarette rauchen zu dürfen nicht auch auszunutzen. Eine andere Sucht scheint hingegen noch nicht ganz soweit in den Alltag vorgedrungen zu sein: Handys werden scheinbar hauptsächlich noch zum telefonieren und schreiben benutzt. Zumindest in Bus, Bahn und im öffentlichen Alltag finde ich das Smartphones, Tablets sowie Laptops weniger zu sehen sind und die Leute sich vielleicht doch noch ein bisschen mehr zu sagen haben.

 

So gibt es also nicht die eine Antwort auf die Frage wie Deutschland denn nun sei. Wobei vielleicht doch. Joli zu Jan: „..ich weiß auch nicht, es ist irgendwie deutsch.“


Mittwoch, 28. Mai 2014

Blogeintrag 28.05. - Erna und Ich

Letzt’ unterhielt ich mich auf dem Nachhauseweg mit Erna über Vancouver. Ich: “Was meinst du Erna, was macht Vancouver zu einer der lebenswertesten Städte weltweit?“ Erna: „Wiewüüp, wiewüüp“. Für alle, die Erna noch nicht kennen, Erna ist mein Fahrrad. Genauer gesagt eine treue Seele von einem Rad. Zuverlässig trägt sie mich über Stock und Stein, halsbrecherisch stürzen wir uns Berge runter, wiederstrebend ächzen wir bergauf. Zugegebener Maßen ist Erna nicht gerade die schnellste (daher auch Erna, die Ente), doch dafür möchte ich sie wirklich nicht verantwortlich machen, denn glaubt man dem Aufkleber, den sie trägt, so ist sie schon seit den 70er Jahren unterwegs. Da wir auf ansteigender Strecke oft in hitzige und schweißtreibende Diskussionen geraten, haben wir inzwischen einen Kompromiss ausgearbeitet: Bergauf geht’s mit dem Bus, wo Erna stets vorne auf einer Art „Fahrradstapler“ mit düsen darf, bergab und auf ebener Strecke wird geradelt.

 
So kam es also, dass wir uns letzt’ auf dem Nachhauseweg über Vancouver unterhielten. Es gibt 2 beliebte Fahrradstrecken, die von der Uni nach Kitsilano führen. Eine verläuft direkt am Pazifik entlang, eine wunderschöne Strecke mit Wasser zur linken und Vancouver stets am Horizont auftauchend. Die Strecke ist allerdings insgesamt etwas länger und führt über einen relativ schmalen Fahrradweg, sodass man sich bei gutem Wetter unter starkem Konkurrenzdruck gegen übrige Mitfahrer durchsetzen muss. Erna und ich sind da ja eher von entspanntem Gemüt, sodass wir meist die andere Strecke wählen, die über eine verkehrsberuhigte Straße durch Wohnsiedlungen führt. Vorgärten, sowie Bürgersteige sind begrünt, Autos müssen stoppen, sodass man in schöner Atmosphäre ungestört quietschend nach Hause radeln kann. Die schönste Stelle kommt kurz nachdem man den Campus verlässt, gerade nachdem man auf die 8th Ave. eingebogen und den ersten Berg heruntergejagt ist. Plötzlich taucht Vancouver irgendwo unter einem auf. Es ist total surreal. Erst sieht man noch riesige, schnee-bedeckte Bergketten, dann erscheint ein kleines Stück Pazifik und Vancouver schuhkarton-groß am Horizont. Genau an dieser Stelle, fragte ich also Erna, warum sie denken würde, dass Vancouver als so lebenswert eingestuft wird. 


Man mag es vielleicht nicht glauben, aber wenn Erna einmal anfängt, ist sie echt gesprächig. Eigentlich schnattert sie ständig, bei jedem Tritt sozusagen. Nur selten ist sie mal verstimmt und gleitet stumm durch die Straßen der Stadt. Erna unterbreitete mir also sofort alle möglichen Theorien. Wir waren uns eigentlich einig, dass Vancouvers Skyline an sich nicht so atemberaubend ist. Die Hochhäuser, die Downtown prägen scheinen alle vom gleichen Architekten entworfen zu sein und funkeln in einem kühlen grau/silber den umgebenden Buchten entgegen. 


Auch Downtown ist relativ unspektakulär. Es gibt kein Empire-State-Building, keinen CN-Tower, keinen Eifelturm, oder gar auch nur Bremer Stadtmusikanten. Man muss schon ein bisschen suchen bis man die Schätze Downtowns entdeckt. Der wahre Zauber liegt allerdings in der Tat nicht in der Architektur oder den Sehenswürdigkeiten, der wahre Zauber wird von einem einsamen Kunstobjekt symbolisiert: Dem Pixelwahl. 


Ich habe keine Ahnung, ob der Pixelwal wirklich Pixelwal heißt. Doch als ich vor 2 Jahren eine Stadtführung machte, auf der uns auch der Wal präsentiert wurde, habe ich mich gleich in ihn verliebt. Douglas Coupland entwarf die Statue in Jahre 2009, um den Clash bzw. den Zusammenstoß zwischen Natur und moderner Digitalisierung zu symbolisieren. Und genau das ist es, was Vancouver so besonders, und meiner Meinung nach auch so lebenswert macht. Zunächst einmal ist überall Natur, insbesondere in Form von Wasser. Allein in Vancouvers unmittelbarer Umgebung gibt es 6 Stadtstrände (und das beinhaltet keinerlei Strände in den Vororten sowie Nord oder West Vancouver). An den Stränden liegen riesige Holzstämme, die als Windschutz für Sonnenbader oder Sitzgelegenheit für Sandhasser dienen. An einigen Stränden wird das „Driftwood“ zu Kunst umgestaltet, alles aufgeräumt und naturnah gehalten. Doch auch wenn man nicht am Strand liegt ist das Wasser Teil des alltäglichen Daseins. Robben, Seeadler, riesengroße Monstermöwen (ich bin wirklich der festen Überzeugung, dass diese Möwen kleine Hunde in einem Habs verschlingen könnten), Eichhörnchen (besonders schwarze) sowie Waschbären prägen das Stadtbild. Direkt neben dem Pixelwal starten Wasserflugzeuge genau da, wo bei ruhigem Betrieb Seehunde auftauchen. Doch nicht jeder Mensch mag das Geheule von Möwen, den Geruch des Ozeans oder das Plätschern von Wasser (der Pazifik ist in der Tat sehr pazifisch, von tosenden Wellen kann ich also nicht berichten). Für diese Menschen gibt es allerlei Berge, welche die Stadt umzingeln. 


Bei all dem kommt eins vielleicht ein bisschen zu kurz: Das Großstadtleben. Auch wenn in „Metro-Vancouver“ also dem gesamten Stadtbereich knapp 2.5 Millionen Menschen leben, wohnen im inneren Stadtkern lediglich 600 Tausend. In bestimmten Ecken surrt die Stadt dennoch gerade zur touristischen Hochzeit (also im Sommer) lebendig vor sich hin, doch dazu wird es wohl erst nach dem Sommer mehr zu berichten geben. Im Winter hingegen ist die Stadt auch schon mal ein bisschen einsam und leer (angeblich ist jede/r Vancouverianer/in in jeder freien Minute Skifahren oder Snowboarden). Vielleicht zu viel Digitalisierung und zu wenig Natur in den grauen Monaten?


Ich: „Wir sollten also noch mal den Pixelwal besuchen gehen, Erna.“
Erna: „Wiewüüp, quietsch!“

Mittwoch, 14. Mai 2014

Blog Eintrag 14.05. – It’s been a while!

Trotz guter Vorsätze zum neuen Jahr, stets wiederkehrender „Achja-Momente-der-Blog“ und sehr erlebnisreichen vergangenen 10 Monate, habe ich es versäumt eifrige Reiseberichte nachzulegen. So frage ich mich jetzt: sind ellenlange Reiseberichte noch zeitgemäß? Passen 1500 Wörter persönliche Erfahrungen überhaupt noch zwischen Coffee-to-Go’s, Emailschecken an Bushaltestellen, nur-mal-eben-kurz bei Facebook reinschauen, die spektakulärsten Online-Schlagzeilen, allgemeine Quantität, auf den Punkt gebrachte Kurzinformation der digitalen, modernen Onlinewelt, nur mal eben schnell und zwischendurch? Nun sitze ich hier, gerade mal 27 Jahre alt und schon schimpfend wie rheinische Marktweiber, überrollt von der Kurzlebigkeit unseres alltäglichen Seins, eine Spur altmodisch vielleicht, nichts desto trotz, anpassungsbereit. Anpassen also: In der Kürze liegt die Würze. Der Vorsatz ist gefasst: Informationsschnipsel meines Lebens auf den Punkt kürzen und hochfrequenter aufs digitale Papier bringen. Los geht’s.

Als ich also letztens mit einer Sektflasche (selbstverständlich im nordamerikanischen Papptütenlook) in der einen und einer schwarzen Teflonpfanne, 29 cm im Durchmesser, in der anderen Hand durch Kitsilano lief, fiel mir auf, dass die Leute guckten. Es war kein unangenehmes Glotzen oder aufdringliches Starren, es war eher eine belustigte Interaktion zwischen mir, der Sektflasche, der Pfanne und den andern Fußgängern. Ein kurzes Aufblicken von den Smartphones, Ausstöpseln der Kopfhörer, einen Lachen, ein Nicken, ein flotter Kommentar, erstaunte Blicke, Sonnenschein. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Nicht etwa, weil ich mittels Sektflasche und Bratpfanne die Nachbarschaft zu erheitern schien, sondern, weil ich mich Teil des Ganzen fühlte. Meine Schritte fanden ihren Weg iwe von selbst, mein Kopf war entspannt. Eben noch zum Metzger, schnell noch beim China-Türken rein, dann noch Grillanzünder im Supermarkt besorgen. Schritte, die noch vor einiger Zeit unbekannt waren, aufregend, neu, nun automatisiert und normalisiert. Angekommen in Kits, die stille kleine Schwester des modernen Vancouvers.


Kitsilano ist also unser, Jan und mein, neues zu Hause. Zwischen internationaler Vielfalt, veralteten „Real-time-hippies“ (so gibt es hier beispielsweise ein 24-Stunden geöffnetes vegetarisches Restaurant direkt gegenüber) und internationalen Berühmtheiten, die sich riesige Häuser direkt an den Pazifik setzen, versucht der Stadtteil einen Mittelweg aus hipper, spießiger, weltoffener Kleinbürgerlichkeit zu finden. Abenteuerlich zusammen gehämmerte Holzhäuser in allen, Farben, Formen und Größen, phantasievoll gestaltete Gärten, schattenspendende Kastanien, Platanen, Kirschblüten- und Ahornbäume; letztere U-förmig zurecht geschnitten, um neben dem oberirdischen Stromnetz friedlich zu existieren. Liebevoll angelegte, beblumte Minik-Kreisverkehre auf den Nebenstraßen, elektrische Busse auf den großen Verkehrsadern. Kleine Geschäfte neben angesagten Cafés, größeren Ketten, Supermärkten oder Obst- und Gemüsehändlern auf der 4th Avenue und dem Broadway, alte Autoreifen und Holzbretter zu Schaukeln und Kletterhilfen zurechtgeschustert in, um, und an Bäumen befestigt in den übrigen schachbrettförmigen Straßen des Stadtteils.
 



Wie es sich für Vancouver-Neuling so gehört, wohnen wir in einem sogenannten „basement apartment“, kühle, dämmerige, finanzierbare Gemütlichkeit zwischen inflationären Preisen auf Vancouver’s Wohnmarkt. Aber wen stören schon niedrige Decken und graues Morgenlicht, wenn der Pazifik einen Steinwurf entfernt ist, das Gemüse in den eigenen Beeten eingepflanzt ist und eine eigene kleine Terrasse nur darauf wartet für den Sommer hergerichtet zu werden? So lebt es sich hier vor sich hin; schnell gefundener Alltag im überschaubaren Kitsilano, irgendwo im Südwesten von Kanadas großer Stadt im Westen.

        Vancouver in der Ferne. 20 minutes down the road...
3rd Avenue, Blick auf unsere Straße
 Einen Steinwurf entfernt: Der "secret beach"




Mittwoch, 21. August 2013

Japanreise zweiter Ausschnitt - 22.05.-10.06.2013


Japanische Begegnungen

Die meisten Japaner sind nicht sonderlich vertraut mit Touristen. Immer wieder begegnet uns die Frage: "So why did you come to Japan?" Überall herrscht große Verwunderung warum zwei "weiße" junge Frauen allein durch Japan reisen. Vielleicht auch deswegen, weil es in der japanischen Kultur sehr unüblich ist die eigene gewohnte Umgebung zu verlassen (man denke an die nach Europa reisenden Japaner, die meist in Rudeln auftreten und dabei oft unter sich bleiben). Meine Antwort auf jene Frage fällt kurz und simpel aus: Ich habe japanische Freunde, die ich gerne besuchen würde. Diese Auskunft wird zwar mit Erstaunen jedoch auch mit einem gewissen Grad an Zufriedenstellung hingenommen: "Ah, so nice!" Seejas Beweggründe hingegen sind andere: Sie möchte für die Uni japanische Bäder untersuchen. Diese Information führt zunächst zu vollkommener Fassungslosigkeit und anschließend zu großer Belustigung. Warum? Naja, sagen wir einfach Mal, dass 2 weiße deutsche Damen in der japanischen Badekultur in der Regel nicht vorkommen. Nur folgerichtig, dass bei mir der Gedanke an den bevorstehenden Sento (japanisches Bad) Besuch zu diversen Gefühlsregungen führt, wobei allgemeine Panik die Situation wohl am Zutreffendsten beschreibt.

Was ist denn nun überhaupt so besonders am japanischen Bad? In erster Linie unterscheidet sich der Sentobesuch von jeglichem mir Vertrauten, da es in Japan eine langjährige traditionelle Badekultur gibt, die nichts mit Strandurlaub an der Nordsee oder auf Mallorca, Quietscheentchen in der Badewanne oder etwa überchlorten deutschen Schwimmbädern zu tun hat. Es gibt hier in Japan viele kleine Traditionen, die man auch heut zu Tage noch einzuhalten versucht. Das typischste Beispiel ist sicherlich das Tragen von Hausschlappen. Schuhe im Haus ist ein Ding der Unmöglichkeit, doch da hört es nicht auf. Es gibt Schlappen für den Garten, für die Toilette, für's Haus und schlappenlose Bereiche (z.B. den Schlafbereich). Während jeder Tourist wohl mindestens einmal gedankenverloren mit den Toilettenschlappen ins Wohnzimmer zurück rennt (die gesenkten Blicke weiten sich), ist es für Japaner ein selbstverständliches Gesetzt der Reinlichkeit für verschiedene Bereiche verschiedene Schlappen zu verwenden. Genau um diese Reinlichkeit ist auch Dreh- und Angelpunkt der Tradition des Sentos. Während in gut bürgerlichen deutschen Familien das Badewasser am Wochenende für alle Kinder gleichzeitig oder auch nacheinander reicht, badet der Japaner sich von Grund auf anders: Zunächst schrubbt und schrubbt an. Rubbelt sich bis zur zweiten oder dritten Hautschicht durch, bis man vollkommen abgewaschen ist. Erst danach darf man sauber und rein ins warme Becken steigen. Traditionell gingen die Japaner sicherlich ins öffentliche Sento, da sie zu Hause kein oder nur bescheidende Badeausstattung hatten. Heute hingegen trifft man sich zum schnacken, tratschen und entspannen. Vielleicht kann man den Sentobesuch noch am Ehesten mit dem Gang in die Sauna oder in die Thermen vergleichen. (Überraschte und belustigte Reaktion der Japaner wird nun vielleicht ein bisschen verständlich. Wie würden wir wohl reagieren, wenn eine Japanerin uns erzählen würde, dass sie ein Uniprojekt über's Saunen durchführt?)

Japanisches Zeichen für Sento

Entgegen der Erwartungshaltung vieler Deutscher und anderer "Westler" (sicherlich auf Grund des schüchternen und zurückhaltenden Auftretens der Bewohner des Landes der aufgehenden Sonne) sind Japaner keinen Falls prüde. Sex ist alles andere als ein tabu Thema und wird zwischen jungen Leuten genauso thematisiert wie innerhalb der Familie (Mutter-Tochter, Vater-Sohn). Diese gesellschaftliche Lockerheit ist jedoch abgekapselt von der traditionellen Haltung, dass Männer und Frauen erst nach der Hochzeit zusammen ziehen, ein dem Status angemessenen gemeinsames Leben führen und schließlich auch Kinder bekommen sollten. Genauso wenig wie Sex als ein peinliches Thema einzustufen, geniert sich der Japaner nicht sich nackt auszuziehen. Wo so manch ein Amerikaner in Ohnmacht fallen würde, wenn man ihn oder sie dazu auffordern würde nackt (nicht im Bikini!) in die Sauna zu gehen, würde bei den Japanern das erwartungsgemäße "Ooooooh" ausbleiben (zumindest wenn alles Geschlechter getrennt bleibt. Im anderen Fall bin ich mir nicht sicher.) So ist es demnach nur natürlich, dass man sich im Sento, wo man sich ja gründlichst wäscht und abschrubbelt, auch nackt bewegt.

Anleitung zum Sentobesuch
Aber mal von Anfang an: Zunächst muss man beim Eintreten natürlich seine Schuhe ausziehen und sie in eine Art Schuhschließfach einschließen. Danach zahlt man Eintritt (ca. 3-5 €) und geht in die geschlechtergetrennte Umkleide (glücklicherweise hatten wir beim ersten Mal japanische Hilfe dabei, sonst wäre es schwierig geworden die japanischen Zeichen auseinanderzuhalten). In den eigentlichen Baderaum nimmt man dann nur ein längliches jedoch schmales Sentohandtuch und einen länglichen Schrubbellappen (gewisse Ähnlichkeiten mit dem handelsüblichen Waschlappen sind zu erkennen, allerdings handelt es sich um ein größeres und schrubbligeres Objekt) mit. Im Baderaum sucht man sich dann zunächst seinen Waschplatz aus. Jeder Waschplatz hat einen Spiegel und zwei Wasserhähne (heiß und kalt) und manchmal auch noch einen Duschkopf. Man nimmt sich einen Plastikhocker (ursprünglich waren die wohl aus Holz) sowie eine kleine Waschschüssel und platziert sich vor dem auserwählten Spiegel. Dann beginnt die Abschrubbelei. Immer und immer wieder füllt man seine Schüssel auf, um sich selbst mit Wasser zu überschütten. Klingt ja eigentlich alles ganz einfach, oder? Trotzdem konnte ich das leichte Gefühl von Panik nicht unterdrücken. Meine größte und wohlbegründetste Sorge bestand wohl darin, dass ich in war ich in lautes Gelächter ausbrechen würde sobald ich splitterfasernackt in traditionell besinnlicher Atmosphäre vor einem Spiegel sitzen würde. Außerdem hatte ich kleiner Dreckspatz Bedenken, ob ich es schaffen würde mich ausreichend abzuschrubbeln, sodass man mir auch Einlass ins Becken gewähren würde. Doch eine Joli kann sich beherrschen, wenn es darauf ankommt und die höflichen Japaner würden es wohl nie wagen, zwei deutsche junge Frauen klar und deutlich anzufahren. So wurde uns Einlass ins gut 40 Grad heiße Becken gewährt, in dem ich es als altbekannter Kaltblüter geschlagene 6 Minuten und 34 Sekunden aushielt bevor ich mich an meinem Waschplatz mit kaltem Wasser überkippen musste. Die geübten und wohltemperierten Sentojapanerinnen pendelten hingegen mehrmals zwischen Waschstation und Becken hin und her.


Dabei halten nicht nur ältere Frauen (für die Männer kann ich natürlich jetzt nicht sprechen, bei denen war ich schließlich nicht im Becken) die Tradition aufrecht, sondern auch Mütter mittleren Alters, Kinder, Studenten oder aber vereinzelte ein wenig verwirrte Touristen.


Wir besuchten insgesamt zwei Sentos und ein Onsen (heiße Quelle). Dabei ist das Prinzip des Onsens dem des Sentos identisch. Der Unterschied besteht darin, dass das Badebecken mit Wasser einer natürlichen heißen Quelle gefüllt ist und meist noch einige weitere Entspannungsangebote vorhanden sind (Sauna, massierende Wasserfälle...). Außerdem sind Onsens meist auch für Tourismus gedacht, während Sentos einfach in jeder x-beliebigen Nachbarschaft (nicht) zu finden sind und von der jeweiligen Gemeinde genutzt werden. So besuchten wir in Tokyo beispielsweise ein sehr altes Sento, in dem gefühlt noch nie ein Ausländer einen Fuß hereingesetzt hatte, sodass der Besitzer, ein älterer Herr, uns vor Schreck erst einmal lauthals an schrie. Erst nach wilder Hin- und Hergestikuliererrei konnte er uns klar machen, dass er lediglich Eintritt von uns haben wollte.


Kein Hinweis darauf, dass das ein Badehaus ist!
Als besonders abwechslungsreich erwies sich die Suche nach diversen Sentos. Da Seeja für ihr Uniprojekt (der Entwurf eines Sentos für die japanische Gemeinde in Düsseldorf) mehrere Badeanstalten von außen fotografieren wollten, durchkämmten wir verschiedenste Nachbarschaften auf der Suche nach den unscheinbaren Bädern. Ein erstes Indiz für die Existenz eines Sentos ist das Erspähen eines Schornsteins, welcher traditionell zu jeder Badeanstalt dazu gehört, doch selbst mit dieser Information ist das Aufspüren eines japanischen Badehauses nicht ganz einfach. Das schönste Erlebnis diesbezüglich hatten wir, als wir auf Verdacht durch einen kleinen Stadtteil Kyotos liefen, einer vagen Information einer schlecht englisch sprechenden Japanerin folgend (Ortsangaben sind beim japanischen nicht-zu-durchblickenden Straßennummerierungssystem auch wieder eine Geschichte für sich). Die Geschichte geht so:

Die sehr, sehr wenig englisch und noch ein bisschen weniger deutsch sprechende Japanerin, hatte uns die ungefähre Position eines Sentos mitgeteilt. Plus-minus 2,45 km. So tigerten wir dem zu Folge relativ ahnungslos durch eine kleine Nachbarschaft Kyotos. Ein erstes Nachfragen in einer Apotheke hatte bereits kein Ergebnis geliefert (die Reaktion "Sento?" im japanischen Singsang gefolgt von "Oooohhh" war uns ja bereits vertraut), sodass wir kurz vor der Sentosuchaufgabe standen. Gerade durchstreiften wir den letzten Straßenzug, als wir eine schon etwas ältere Frau mit einem Fahrrad aus ihrem Haus kommen sahen. Das geübte Auge sagte uns: so sieht eine echte Sentogängerin aus! Also versuchten wir sie (so japanisch höflich wie möglich) nach der möglichen Existenz eines nahe gelegenen Sentos zu fragen. Vollkommen verdattert brabbelte sie irgendwas auf japanisch und sagte immer wieder ungläubig "Sento? Sento?". Dann wies sie uns durch energische Handzeichen an eine Weile zu warten und verschwand ohne Fahrrad sowie bei offen stehender Tür wieder im Haus. Man hörte aufgeregtes Geschnatter und Gepolter. Dann kam sie halb die Treppe runterfallend wieder nach vorne gerannt, im Schlepptau einen zerzaust aussehenden älteren Herrn, der - gerade aus dem Schlaf gerissen - auch noch fast vergaß seine Hausflurschlappen anzuziehen. Mit noch klitzekleineren Japaneraugen beäugte er uns verschlafen, entschuldigte sich in relativ gutem Englisch für seine Zerzaustheit und fragte, wie er uns helfen könnte. Wir, peinlich berührt davon, dass wir gerade einen älteren Herrn aus seinem Frühabendnickerchen gerissen hatten, konnten unsere Frage nach den genauen Koordinaten des nächstgelegenen Sentos nur wiederholen. Woraufhin auch er etwas verdattert "Sento?" sagte. Als schließlich klar war, dass wir es ernst meinen mit dem japanischen Bad, musste die Angelegenheit zunächst ausführlich zwischen dem Ehepaar in japanisch hin- und herdiskutiert werden. Schließlich einigte man sich auf die Lage und Wegbeschreibung des bzw. zum nächsten Sentos. Herr Schlafanzug zeigte uns hilfsbereit die entsprechende Stelle auf dem Stadtplan. Wir bedankten uns wieder und wieder und waren bereit loszumaschieren. 


Doch damit nicht genug. Unsere fahrradschiebende Retterin wollte nicht mehr von unserer Seite weichen und stürmte immer zwei Schritte voraus in die angegebene Richtung. Dabei erzählte sie uns ohne Pause irgendwas auf Japanisch, was ich ab und an mit "sodesuka" - ah, ich verstehe- beantwortete, obwohl ich natürlich gar nichts verstand. Jeder Fluchtversuch in eine abweichende Richtung wurde instantan mit wildem Fuchteln unterbunden. Je näher wir dem Sento kamen, desto besorgter wurde ich, dass sie mit uns ins Bad stürmen und nicht mehr ruhen würde, bis wir vollkommen nackt und blitzeblank gerubbelt im Becken säßen. Dabei hatten wir eigentlich nur vor ein paar Fotos von außen und vom Vorraum zu machen. Endlich am Sento angekommen, riss sie tatsächlich unmittelbar die Eingangstür auf und drängte uns in den Vorraum herein, welcher sich auch noch als bizarrster Sentobadvorraum zählte entpuppte, den wir während der Japanreise kennen lernen sollten. 


Unsere tapfere Helferin begann direkt uns in einem erneuten japanischen Redefluss zu erklären, auf welche Seite die Frauen zu gehen hätten. Glücklicherweise konnten wir zu diesem Zeitpunkt schon genug japanisch um ein zaghaftes "shitte iru" - ich weiß - hervorzubrigen und so befreiten wir uns in letzter Minute doch noch aus den Händen dieses süßen, hektischen, stürmischen, aber sehr, sehr lieben japanischen Engels. (Ein einziger Wehmutstropfen bleibt die Tatsache, dass sie sich strikt weigerte für ein Foto zu posieren.)

Japanische Fortsetzung folgt. Hoffentlich in naher Zukunft. Sayonara.


Sonntag, 9. Juni 2013

Japanreise erster Ausschnitt - 22.05.-10.06.2013


Japanese Style

Wenn es in Hokkaido bedeckt ist, hängen die Wolken tief zwischen den zahllosen Bergen und verbergen so den Blick auf das spektakuläre Panorama. Obwohl es eigentlich bereits Sommer ist, ist es doch zu kalt für kurze Ärmel und Sandalen. Selbst wenn die Sonne scheint, weht stets ein kühler Wind über die Nordinsel Japans. Die Luft ist frisch, verspielt und riecht nach Meer. Nach 10 Tagen der drückenden und oftmals schwülen Hitze in Tokyo, Nagoya und Kyoto, empfinde ich das kühle Frühlingswetter als eine angenehme Abwechselung.



Seit etwa zwei Wochen reise ich nun durch dieses Land, doch es fällt mir schwer Japan als solches zu beschreiben. Zu sehr ist diese Kultur geprägt von Gegensätzen und Überraschungen. Bei unserer Ankunft in Tokyo versuchte mein Gehirn direkt Vergleiche zu ziehen. Flughafen und Metro wirkten sauber und steril ähnlich zum öffentlichen Leben in Singapur; Hochhäuser und breite Straßenzüge sowie in Metropolen in Nordamerika; Neonschilder und Leuchtreklamen wie in vielen Teilen Asiens; enge Gassen, kulturell verschiedene Stadtviertel, Fahrradfahrer und Fußgänger, als ob man sich durch Paris oder Berlin bewegen würde. Doch aller Vergleich ist zwecklos. Hier, mitten im Pazifik hat Japan sich als Insel ganz von alleine entwickelt. Natürlich wirft das wirtschaftlich erfolgreiche Japan ab und zu auch mal einen Blick auf den Rest der Welt, doch unterm Strich beschäftigt Japan sich mit der eigenen Kultur und Lebensweise. 

Damit möchte ich keinesfalls sagen, dass die Japaner nicht offen oder unfreundlich gegenüber "gaijin" - Ausländern - sind. Es gibt einfach keinen interkulturellen Austausch so wie wir ihn aus Europa kennen. Nehmen wir z.B. mal das japanische Fernsehen. Das typische Fernsehformat scheint darin zu bestehen, das 5-10 Moderatoren auf eine Coach sitzen und den nächsten "Reportagenausschnitt" anmoderieren. Während der Beitrag ausgestrahlt wird sieht man in einer der Bildschirmecken die ganze Zeit über einen der Moderatoren eingeblendet, der an entsprechenden Stellen Erstaunen, Entsetzen, Belustigung oder Missfallen miemt. Dann wird reium ein Kommentar abgelieftert und der nächste Beitrag anmoderiert. Der Inhalt der Beiträge dreht sich stets um verschiedenste Alltagsphenomene (wo Kinder überall Sticker hinkleben, wie sich ein französischer Familienvater die Hände vor dem Essen nicht wäscht oder welche der 15 Sängerinnen einer japanischen Popgruppe im nächsten Jahr zur Frontsängerin gewählt wird). Amerikanische Spielfilme oder Serien, die ein (teilweise sicher auch verfälschtes) Bild einer anderen Gesellschaft vermitteln, gibt es praktisch gar nicht. Kein Wunder, dass die Japaner bisweilen sehr scheu auf "gaijin" reagieren.

Als Reisender ist es also nicht ganz einfach in diese Welt abzutauchen. Es ist ein bisschen so als ob man sich als Fremder zu einer geschlossenen Gesellschaft dazusetzt. Es braucht viel Aufmerksamkeit, Offenheit und das nötige Feingefühl dabei nicht unangenehm aufzufallen und sich trotzdem an der Unterhaltung beteiligen zu können. Von dieser Reise zu erzählen, indem ich geradeheraus von Tag zu Tag berichte, würde dem Erlebten nicht ganz entsprechen. Durch Japan zu reisen ist ein bisschen so wie ein traditionell japanisches Mahl zu schmausen: Das eine Hauptgericht oder die eine Delikatesse gibt es nicht. Stattdessen floht und nascht man mal hier und mal da, hat eine Auswahl von vielen wohl portionierten Kombinationen aus Fisch, Fleisch und Gemüse und entdeckt doch in jedem der kleinen Schälchen irgendeinen unerwarteten Geschmack. Daher werde ich versuchen diese Reise im "japanese style" in mehrere leckere Häppchen zu unterteilen.


Tokyo - Der ganz normale Wahnsinn

Man kann behaupten, dass ich in meinem Leben schon recht viel gereist bin. Verschiedenste Kulturen und Kontinente waren unter den bereisten Orten; Lebensstiele, Bräuche, Sitten, Gewohnheiten und Einheimische glichen an keinem Ort dem Anderen. Eines war jedoch meistens sehr ähnlich: Einheimische begegneten mir stets mit freundlicher Neugier. Ob ein verwundeter Blick in Wawa einer kleinen Gemeinde Kanadas oder regelrechtes Anstarren in Malaysia, man wurde zur Kenntnis genommen, bestaunt, angelacht, angepfiffen oder angequatscht. In Südostasien und Indien kann die Aufmerksamkeit, die man als "Weißer" auf sich zieht bis weilen anstrengend und auch irgendwann unangenehm sein, sodass man sich manchmal wünscht (besonders bei schlechter Laune) einfach mal für einen Nachmittag unsichtbar zu sein. 
Als wir (die mit mir reisende Seeja und ich) in Tokyo am Flughafen in den Regionalzug stiegen erwartete ich deshalb, dass wir von vielen Seiten angestarrt oder zumindest neugierig zur Kenntnis genommen werden würden, doch schon bald bemerkte ich, dass niemand uns beachtete. Es gibt in Tokyo genau drei Arten von Bahnfahrern: 1. Die Schläfer; 2. Die aufs Smartphone/Tablet Starrer; 3. Die Blick-Senker. Während die Japaner also still vor sich hinsenierten, schauten (oder glotzten?) wir typisch deutsch in der Gegend rum. Zugegeben, die Sachen mit dem Schlafen hatten wir auch relativ schnell verinnerlicht, doch besonders die Eigenart den Blick zu senken, ist sehr schwierig umzusetzen. Als Reisender ist man nun mal neugierig. Neugierig auf das neue Land, die neue Stadt, die fremden Menschen. 


An diesem ersten Abend glitten wir also durch Tokyo wie zwei nichtbeachtete Fremdkörper. Tokyo folgt einem ganz eigenen Rhytmus in einer anderen Geschwindigkeit. Ein nichtaufhörender Strom von Japanern wuselt über Kreuzungen, durch Straßen, von einem Ort weg, zum andern Ort hin. Während auf den ersten Blick alles aussieht wie ein heilloses Chaos, stellt man bald fest, dass eigentlich nie zwei Leute ineinander stolpern, dass trotz leicht gesenktem Kopf jeder Japaner stets bereit ist im Weg stehenden Hindernissen auszuweichen. Es ist faszinierend, magisch und ein bisschen verwirrend zu gleich. Vorallem, wenn man als deutsches Trampeltier mit riesigem Reiserucksack versucht sich unauffällig unter die Menge zu mischen. 



Unsere Unterkunft in Tokyo war bescheiden. Über eine Internetseite hatten wir einen Japaner (Koki) gefunden, bei dem man für wenig Geld hausen konnte. Koki wohnte in guter Lage auf ca. 9 Quadratmetern. In der ersten Nacht hatte er die Koordination seiner Gäste etwas durcheinander gebracht, sodass wir zu sechst im  kleinen Zimmer schliefen. Koki und seine Freundin im Bett, Seeja, ich und zwei schwule Kanadier zu viert auf dem Boden. Ich lag zwar mit den Füßen im Kühlschrank, dafür jedoch glücklicher Weise an der äußeren Flanke, sodass ich sogar eine einigermaßen geruhsame Nacht verbrachte. Die Wohnung an sich war nichts besonderes. Eine Kochzeile, ein Bett, ein Fernsehr, ein PC-Bildschirm, Klo und Badezimmer. Insgesamt glaub ich nicht untypisch für Japanische "Junggesellen", die in der Regel jeden Tag zwischen 9 und 12 Stunden arbeiten und nur zum schlafen nach Hause kommen. Die Meinung, die überall vorherrscht, dass Japaner irre lange Arbeitsstunden haben und kaum Zeit für ein Leben neben der Arbeit haben ist leider in der Tat kein Vorurteil, sodern die Realität. Während die Studien- und Schulzeit wohl noch relativ locker angegangen werden kann, beginnt mit Eintritt in die Arbeitswelt, die ernste und gewissenhafte Berufskarriere. Auch wir verbrachten - (zwar nicht in Sachen Arbeit aber trotzdem) japanese style - den größten Teil des Tages außer Haus. Während wir die vielen Kilometer und langen Erkundungstouren in Tokyo sehr genossen, war es ein bisschen schade, dass wir nicht mehr vom gastfreundlichen Koki und seiner netten Freundin Ayaka zu Gesicht bekamen.


Tokyo ist bei Tag sowie bei Nacht eine echt verrückte Stadt. Streifzüge durch Tokyos viel besuchten Shopping und Schlemmerviertel resultiert in totaler Reizüberflutung. Überall gibt es große Leuchtreklamen, Werbezüge und blinkende Neonschilder. Während die Stadt als solche für eine Metropole von gut 13(!) Millionen Menschen überraschend ruhig ist (kaum Gehupe, laute Motoren oder rufende Menschen), scheint jeder fünfte Gegenstand, dem man begegnet sprechen zu können. Computerstimmen verlesen nicht nur Speisekarten oder Verhaltensregeln auf der Rolltreppe, sondern erklären einem auch gerne wie Fahrkartenschalter, Geldautomaten oder Toiletten zu bedienen sind. Die Japaner stören sich an all dem nicht und wuseln eifrig in ihrem eingeübten Trott durch die Gegend. Einen Bruch dieses geordneten Chaoses durften wir im Yoyogi Park miterleben. Hier übten japanische Jugendliche eifrig Tanzchoreographien, Musikinstrumente oder Kampfsportschritte; an jeder Ecke fand Baseballtraining oder sogar ein Match statt; Familien mit Kindern produzierten Unmengen an Seifenblasen, spielten Federball und bauten höchst lecker aussehende Picknicks auf; während unmittelbar neben uns die Stimmung im Laufe eines Trinkspiels überzukochen drohte, fuhr ganz lässig ein Hund auf einem Skateboard vorbei. Es gibt sie also doch: Die nicht ganz so schüchternen Japaner. 


Tokyo auf ein paar Sehenswürdigkeiten zu reduzieren ist unmöglich. Natürlich gibt es sie, den Königspalast im alten Stadtkern, den Tokyotower (beide von uns nicht so wirklich besucht), berühmte Tempel und Shrines, die Einkaufsstraße schlechthin, den unvorstellbar riesigen Fischmarkt und den ehemaligen Olympiapark. Doch die insgeheimen Sehenswürdigkeiten Tokyos verbergen sich in den einzelnen Stadtvierteln. Es ist als ob man in zahllose verschiedene Welten abtauchen kann. Es gibt ganze Viertel, wo man fast nur Cafes, Bäckereien oder Restaurant mit französischem Namen sieht. Dann gibt es wiederum andere Stadtviertel, die kleine lange grüne Parks angelegt haben, durch die man im angenehm kühlen Schatten streifen kann, während man japanischen Omis bei der täglichen Ration Bewegung zugucken kann. An noch anderer Stelle gerät man gerade in die Zeit, in der die Schule aus ist und sieht japanische Mamas (und ganz vereinzelt auch mal Papas) ihre Schützlinge zu Hauf aufs Fahrrad packen. Vorallem aber, gibt es nichts, was es nicht gibt. Bei einem unserer Strefzüge durch die Hinterstraßen standen wir erst vor einem "Tim und Struppi"- und schließlich vor einem "Ampelmännchen"-Laden. Bei all dieser Vielseitigkeit fällt es mir schwer von dem einen Tokyo zu sprechen. Vergleiche kann man eigentlich zu allen größeren Weltmetropolen ziehen. Was vielleicht besonders in Erinnerung bleibt ist, dass bei all den Menschen, bei dem weitgefecherten kulinarischen, kulturellen sowie familiären Angebot die Stadt unglaublich sicher und sauber ist. Die Japaner behandeln nicht nur Ausländer und wahrscheinlich auch sich selbst untereinander mit Respekt, Schüchternheit und einer gewissen Vorsicht, sondern auch ihre Hauptstadt. 



Eine Sache muss ich nun aber doch in Tokyo hervorheben: Tsukiji, der größte Fischmarkt der Welt. Wer richtig hart gesonnen ist und ganz viel Willensstärke beweist, der stehe um 05:00 Uhr morgens auf und begebe sich zum Fischmarkt (das war eigentlich mein "Nachchampionsleauge-Plan" doch leider hat der Markt Sonntags zu). Wir waren nicht ganz so übermotiviert, doch auch um 09:00 Uhr ist der Markt noch ein Erlebnis. Vor den eigentlichen Hallen, in denen japanische Groß- und Kleinhändler den Fisch für ihre Geschäfte erstehen können wuselt es bereits mächtig. In einem unübersichtlichen Gewirr aus Gassen und Sträßchen sind Fressbuden, Touristenshops und andere Verkaufsstände aufgebaut. Hier sehen wir auch zum ersten Mal größere Herden an Touristen (das Phänomen Tourist ist in Tokyo eigentlich eher selten zu beobachten). 


Doch es gilt sich nicht von dem berauschenden Angebot an Messern, Fisch und anderen Delikatessen überwältigen zu lassen. Tapfer muss man sich weiter durchschlagen bis man schließlich die Hallen erreicht. Hier gilt es eine kurze Strecke auf offener Fläche zu überwinden, auf der Hunderte Fischhändler auf kleinen "Fischmobilen" rücksichtslos durch die Gegend brausen.


Überhaupt scheint die japanische Zurückhaltung und Rücksichtnahme auf dem Fischmarkt komplett zusammenzubrechen. Man wird hier nicht nur nicht beachtet, sondern sogar regelrecht übersehen und aus dem Weg gerräumt. Hat man es unbeschadet in die großen Hallen geschafft, möchte man eigentlich nur noch mit geöffnetem Mund stehen bleiben und glotzen. In unzähligen kleinen Gassen sind auf, in und um weiße Stiroporbehälter herum Fische in allen Größen, Formen und Farben präsentiert. Muscheln, die sich noch öffnen und schließen, Krabben, die noch krabbeln sowie Thunfische, die eher an kleine Rinder erinnern als an einen Fisch. Zwischen all dem Fischgewusel laufen japanische Fischhändler in Schürzen und Gummistiefeln umher, ziehen ältere (und vielleicht auch traditionellere) Händler Sackkarren bis oben hin mit Fisch beladen durch die Gegend, fahren die kleinen wendigen Fischmobile, machen vereinzelte Touristen Bilder und Videos, spielen Kinder fröhlich vor sich hin. 



Auch wenn auf den ersten Blick alles sehr hektisch und unsortiert wirkt, erkennt man doch bei genauerem Hinschauen, dass hier gelassen und organisiert zu Werk gegangen wird. Es wird gelacht, gescherzt und dabei hart gearbeitet. Es ist unmöglich die Atmosphäre dieser Hallen auf Bildern, Videos oder in Worte zu fassen. Ein salziger Geschmack liegt in der Luft. Es riecht nach frischem Fisch, aber auch nach chlorigem Wasser und arbeitenden Menschen. Die eigene Gefühlslage schwankt zwischen Übelkeit beim Anblick der diversesten Tiere und angeregtem Appetit, hervorgerufen durch stechend frischen Fisch.


Kurz gesagt: man fühlt sich hier (vielleicht sogar in ganz Tokyo) ein bisschen wie Alice, die in den Kaninchenbau gefallen ist und wenn man aus der Halle (oder dem Stadtgebiet Tokyo) wieder auftaucht, weiß man nicht mehr, was man wirklich geshen hat und was in der eigenen Phantasie auf Übergröße und Dimension angewachsen ist.


Erlebnis Klo: Wie das stille Örtchen zur großen Bühne wird

Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was mich in Sachen Toilette in Japan so erwartet. Natürlich hab ich schon vorher von japanischen Toiletten gehört, die allen möglichen Schnickschnack können, doch ehrlich gesagt, habe ich das für eine art "Urban Legend" gehalten. Gleichzusetzen mit der Erfindung der Robotorhunde oder virtuellem Flughafenpersonal. Etwas, was einmal auf irgendeiner Messe auftaucht, große Schlagzeilen macht und dann nie wieder gesehen wird. Doch in Sachen "Badezimmerkultur" hat Japan so einige Überraschungen parat.

Für alle Skeptiker unter euch: Ja, es gibt sie! Die allgemein gefürchteten Hockklos. Auch zu finden auf französischen Rasthöfen oder Autobahnparkplätzen sowie in Südostasien und wahrscheinlich überall in China. Traditionell wurde in Japan gehockt. Und da der Japaner an sich nur äußerst ungern seine Traditionen loslässt, gibt es auf öffentlichen Toiletten in der Regel immernoch sogenannte "old japanese style toilets".


Für alle Träumer unter euch: Ja, es gibt sie wirklich! Die Hightechtoilette, die eigentlich alles kann. Vom Loch im Boden haben die Japaner sich zu einer Art Thron weiterentwickelt, welcher mehr elektronische Optionen hat als das Windows Startmenu. Dem zu Folge wird der Toilettengang zum unvergesslichen Erlebnis.


Generell ist festzuhalten, dass japanische Klos unfassbar sauber sind. Es ist mir inzwischen fast schon unangenehm daran zu denken, dass Deutschland als Wirtschaftsmacht so etwas wie Dixieklos in seinem Land beherbergt. Gleichzeitig ist es mir unverständlich wie öffentliche Toiletten so sauber seien können. Es ist nicht etwa wie am Dubaier Flughafen, dass nach jedem Gast direkt eine Putzkraft in die Kabine stürmt und sauber macht - überhaupt habe ich hier noch gar keine Kloputzkraft angetroffen - nein, die Japaner sind einfach ordentliche Menschen. Ein ähnliches Phenomen kann man beispielsweise auch bei öffentlichen Mülleimern beobachten. Obwohl man praktisch überhaupt keinen Müll auf der Straße liegen sieht, geschweige denn Kaugummiflecken auf den Bürgersteigen, läuft man oftmals mehrere Stunden bis man einen öffentlichen Mülleimer antrifft. Was die Japaner in der Zwischenzeit mit ihrem Müll machen wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Auf jeden Fall rennen sie nicht wie ich mit einer Platiktüte Müll in der Hand durch die Gegend und fluchen über die geringe Mülleimerdichte.

Doch zurück zum Klo. Öffentliche sowie private oder Gaststättentoiletten sind also unfassbar sauber. Selbst die "old style japanese toilets" sind sehr sauber und beinhalten sogar eine "Hockanleitung" für ahnungslose Touristen (während man sich so eine Anleitung auf "european-style" Toiletten manchmal wünschen würde, doch dazu später mehr). Die einzigen nicht ganz so sauberen Toiletten sind in touristischen Gebieten anzutreffen, wobei ich hier die Chinesen als Ursache der Verunreinigung in erster Linie im Verdacht habe.

Gehen wir nun einmal davon aus, dass wir in einem Restaurant sitzen und den Drang verspüren die Toilette aufzusuchen. Dann läuft das Prozedere in etwa so ab: Schon auf dem Weg zur Tür (durch wildes Gestikulieren konnte man das Klo schließlich orten) steigt der Puls. Was erwartet mich wohl diesmal. Meist gibt es verschiedene mögliche Variationen. Beim Eintreten kann es passieren, dass man auf die japanisch höfliche Manier vom langsamen Aufklappen des Klodeckels begrüßt wird. Dies ist meistens so unerwartet und erstaunlich, dass man ganz vergisst sich mental aufs Hinsetzen vorzubereiten, denn auch hier verbergen sich gleich mehrere Überraschungen. Zunächst gilt es die Temperierung der Klobrille festzustellen. Von "deutsch-unterkühlt" über "angenehm-vorgeheizt" bis hin zu "glühende Popacken" ist alles dabei. Während der Körper noch auf entsprechende Gegenregulierung der Temperatur eingestellt ist, gibt es nun oft die ersten akkustischen Untermalungen. Einige Toiletten beginnen in der Tat automatisch mit musikalischer Pinkelunterstützung (oder Geräuschüberdeckung? Es steht noch aus dies rauszufinden). Es ertönt eine Mischung aus Vogelgezwitscher und Meeresrauschen. Wenn man die Vollautomatische Version erwischt hat, wird gleichzeitig auch noch das Klobecken kontinuierlich mit Wasser ausgespühlt. Dem Buddha sei Dank, funtioniert die Po- und - nennen wir es mal -Pipidusche nur auf besonderen Knopfdruck.


Der zwischenzeitlich rasende Puls hat sich übrigens durch die beruhigende Rauschmusik wieder verlangsamt, sodass man sich in aller Ruhe auf die Suche nach dem Abzieher begeben kann. Im einfachsten Fall kann die Toilette alles selber (abziehen, Becken ausspülen, Klodeckelschließen), doch oftmals muss man sich durch mehrere japanische Schriftzeichen kämpfen, bis sich etwas regt. Der inzwischen geübte Blick geht zunächst rechtseitig an die Kloschüssel, wo eine Art Hebel vorwärts oder rückwarts zu betätigen ist, wobei die jeweiligen Seiten mit japanischen Zeichen beschriftet sind, die in der Theorie vermutlich wassersparendes und normales Spülen bedeuten, sich in der Praxis jedoch nicht wirklich unterscheiden. Sollte es so einen Hebel nicht geben, so schaut man sich nach einem größeren drückbaren Knopf in der nähe der Toilette um, wobei hier Vorsicht geboten ist, da der "Emergency-Knopf" auf Behindertenklos keinenfalls mit der Spülung verwechselt werden sollte. War auch diese Suche ergebnislos, so ist es ratsam alle japanisch beschrifteten Knöpfe der Reihe nach zu bedienen und deren Wirkung abzuwarten. Meist hat man nach wenigen Versuchen recht unbeschadet Erfolg. Das anschließende Händewaschen ist nach der ganzen Kloeletronik hingegen ein ziemliches Kinderspiel. Wasser kommt entweder automatisch, durch ganz normales Aufdrehen (Achtung oftmals in andere Richtung als bei uns, aus links wird rechts, aus oben wird unten etc.) oder durch wütendes Drücken gegen die Unterseite des Wasserhahnes. Zum Abtrocknen gibt es dann Druckluftpuster, die aussehen, als ob sie deine Hand absorbieren wollen (oder aber die gute alte Jeans). Wenn man schließlich vollkommen überdreht von diesem Erlebnis die Toilette verlässt muss man sich keine Sorgen machen, dass die andern Gäste einen strafend angucken, weil man den stillen Ort so lange in Beschlag genommen hat, da die Japaner alle gewohnt schüchtern und zurückhaltend jeglichen Blickkontakt vermeiden.


Bei privaten Toiletten gibt es übrigens noch ein extra-feature: Sobald die Toilettenspülung betätigt wird, beginnt am Toilettenkopf Wasser in ein Becken zu laufen, welches ich anfänglich fälschlicher (?) Weise als Aufforderung zum Händewaschen interpretierte. Dieses trägt zusätzlich zum atmosphärischen Erlebnis bei und soll zweckmäßig glaub ich durch fließen auf eine Art Duftstein dazu führen, dass man die Toilette stets wohlriechend hinterlässt (sicher bin ich da jedoch nicht). 
Unterm Strich würde ich gerne 4.5 Sterne an japanische Toiletten vergeben. Abzüge gibt es einzig mal beim Toilettenpapier, welches entweder viel zu dünn ist oder aber eine sehr ungünstige Blattgröße hat.

Sonntag, 30. September 2012

Fairytails Vancouver: Teil 1


Gastown – Vancouvers ältester Stadtteil

In fast allen Städten gibt es Andenken an irgendwelche berühmten Persönlichkeiten. Mal sind es die Stadtgründer, mal Ureinwohner, die es im späteren Leben weit gebracht haben oder einfach nur symbolische Figuren, die über die Zeit in die Philosophie und Tradition der Stadtgeschichte eingegangen sind. So stapeln sich in Bremen beispielsweise die Stadtmusikanten, während man in Bonn einem grimmigen Beethoven begegnet oder in Aachen vom großen Kaiser Karl bewacht wird. In Vancouver hingegen gibt es Gassy Jack.

 
Gassy Jack steht an einer Ecke des ältesten Stadtviertels Vancouvers, nämlich Gastown. Von dort aus überblickt er wohlwollend das geschäftige Treiben der Touristen und Einheimischen, die in Cafes, Geschäfte oder Wohnhäuser strömen, ihm einen kurzen Blick zuwerfen und sich fragen, was diese berühmte Persönlichkeit in seinem Leben wohl vollbracht haben könnte, dass man nach ihrem Vorbild sogar eine lebensechte Statue errichtet hat. Die Antwort auf diese Frage ist recht simpel: Gassy Jack hat Vancouvers ersten Pub eröffnet. Ja, ihr habt richtig gehört, Vancouvers berühmtestes Stadtkind ist ein Kneipenbesitzer.

Damals hieß Vancouver noch nicht Vancouver, sondern Granville. Der Arbeitsmarkt in der Stadt sah zu dieser Zeit ungefähr wie folgt aus: Entweder man holzte Bäume, oder man rollte Holzstämme in Richtung Hafen, oder man ölte diese Holzstämme ein, damit sie besser rollten, oder man lud Holz auf Schiffe, oder man lud Holz auf Eisenbahngüterwagons, oder man holzte Bäume. Natürlich gab es auch schon damals das etwas gehobenere Volk, welches die Arbeiter und ihr Wohnlager stets im Auge behielt. Die Arbeiter wiederum schien das alles recht wenig zu interessieren, sie arbeiteten ihre 10 Stunden am Tag ab und begaben sich dann auf einen ca. 2-stündigen Marsch zum nächsten Pub (höchstwahrscheinlich waren es größtenteils Iren).

Gassy Jack nun, war für nicht so viel bekannt, außer dass er ein unheimlicher Schwadlappen war. Man muss ihm allerdings zu Gute halten, dass er eine Marktlücke erkannte, wenn er sie sah. So lieh er sich eines Abends ein Ruderboot von einem Fischermann aus, ruderte in den Vorort mit dem einzigen Pub in der Umgebung und schwatzte dem Besitzer ein ganzes Fass Rum ab. Leider ging dabei auch ein Großteil seines Vermögens drauf. Als er nun endlich mit seiner Frau und seinem Fass Rum in unmittelbarer Nähe des Arbeiterviertels ankam, hatte er keine Mittel irgendeine Art von Etablissement hochzuziehen. Doch Gassy Jack war clever. Er bat die Arbeiter um Mithilfe: Sie sollten ihm ein geeignetes Gebäude bauen, während er im Gegenzug mit ihnen sein gerade erstandenes Rumfass kostenlos teilen würde. Es heißt die Hämmer und Sägen seien vom Himmel gefallen und keine 24 Stunden später stand Vancouvers erstes Pub. Danke Gassy Jack!

Mit der ersten Kneipe erhielten auch schon bald Opium und andere Drogen Einzug in die Gegend, was wiederum den anständigen Teil der Bevölkerung nach Ruhe und Ordnung schreien ließ. Dafür führte man einen neuen Wachmeisterposten ein und besetzte ihn mit einem bestechlichen Gauner, der passender Weise auch noch den Nachnamen Brew trug. Herr Brew war tatsächlich zumeist betrunken und wenn man ihn fragte, warum er nicht für Ordnung sorgte, zuckte er nur mit den Schultern und sagte, dass er ja schließlich kein Gefängnis zur Verfügung stehen hatte. Daraufhin wurde ein Gefängnis gebaut, Herr Brew entlassen und ein neuer Wachtmeister mit dem Job der Straßenordnung beauftragt. Dieser hatte nun die Aufgabe Brew sowie seine Trink- und Drogenkollegen Abends in die Zellen zu verfrachten. Die Regel war hierbei ganz einfach: Die Tür blieb unabgeschlossen und wer am Morgen wieder in der Lage war die Tür zu öffnen durfte gehen. Die Straßen waren wieder sicherer, das Gesindel hatte einen Platz zum schlafen und alle waren zufrieden. Kanadischer Pragmatismus.

"Gaoler" ist ein altes Wort für "Jailor" (Gefangener)
Auch sonst ist Gastown hauptsächlich für seine Kneipenkultur bekannt. So ist eine Kneipe namens „Lamplighter“, die erste Kneipe Vancouvers, in der auch Frauen Alkohol ausgeschenkt bekamen (Frauenrechtler waren in Vancouver sowieso sehr stark vertreten). Zwar gab es noch einen separaten Eingang und abgesonderten Bereich, aber dafür durften die Frauen hier rauchen und trinken wie ihre Männer nebenan. Auch der Name kommt nicht von ungefähr denn zu der Zeit gab es einen einzigen Lichtanzünder, der in Gastown arbeitete und jeden Abend die Gaslampen vor jedem einzelnen Pub anzündete (der arme Mensch musste wahrscheinlich schon mehrere Stunden vor Dunkelheit anfangen, bei der Kneipendichte zu der damaligen Zeit).


Gastowns berühmteste Sehenswürdigkeit ist allerdings die Dampfuhr. Gastowns Steam Clock ist jedoch lange nach Gassy Jacks Zeiten entstanden und war wahrscheinlich die Idee irgendeines benebelten Späthippys. Die in 1977 errichtete Dampfuhr ist jedoch ein perfektes Symbol für das heutige Gastown, da sie wunderbar die Mischung aus alt und neu zeigt. Da viele Häuser und Straßenzüge noch vom Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten sind, haben sich Städteplaner überlegt, wie sie das vergangene, alte Flaire des Stadtteils erhalten können. So ergänzen nun also die (wohlgemerkt elektronisch angetriebene) Dampfuhr, schwarz-gebogene Straßenlaternen und rotes Kopfsteinpflaster die alten Straßen und Gebäude.


Eine kleine Geschichte gibt es aus diesem Stadtteil noch, die von den Kanadiern nicht ohne ein Fünkchen Schadenfreude erzählt werden kann. Auf Gastowns Hauptstraße gibt es eine sehr bekannte Kunstgalerie, die sich besonders auf „Native Art“, also Kunst von Kanadas Ureinwohnern, spezialisiert hat. Diese besuchte unter anderem Bill Clinton während seiner Amtszeit als amerikanischer Präsident, um Geschenke für seine Familie zu kaufen. Unglücklicher Weise (also unglücklich für den armen Bill) fand sich eine kleine hölzerne Bärenstatue einige Zeit später in Monica Lewinskys Wohnung wieder und konnte so zum Aufdecken der ganzen Affäre beisteuern. Hill’s Native Art Gallery schweigt, genießt und wartet auf den nächsten Tölpel, der sich von ihren Produkten verführen lässt.


Das war's für heute von mir. Ich hoffe euch geht's allen gut. Viele Grüße aus dem märchenhaften Vancouver.

PS: Funfact aus meinem Arbeitsleben: Um in mein Büro zu kommen, muss ich 11 mal 11 Treppenstufen hochgehen. Da sag ich mal Alaaf und prost! Manche Dinge ändern sich wohl nie...



Montag, 10. September 2012

15.08. – 29.08. Besuch in Vancouver: Teil 2



Episode II: Play Ball – nordamerikanische Sportbegeisterung – but be careful not to drop it!

Wir als Europäer vergessen oft, dass wir unsere Identität mit in die Wiege gelegt bekommen. Ob nun fröhlich heitere rheinländische Mentalität, urbayrische engstirnige Denkweise oder nüchterne nordische Seemannsphilosophie, unsere Verhaltens- und Denkweise basiert auf Jahrhunderten der Sitten, Bräuche und Traditionen.
Junge Städte wie Vancouver hingegen versuchen permanent ihre Identität zu finden. Während man in den 20er Jahren noch Las Couver redete, versuchte man in den 50ern zum New York der Westküste aufzusteigen und weitere 30 Jahre später bekam man den Hongcouver Stempel aufgedrückt. Die Stadt versucht sich weiterhin jung zu präsentieren, was sie durch eine gewisse Öko-organic-Hippiementalität sowie ein Künstler und Musiker Kultur zu realisieren vermag. Doch als Europäer kann man nicht umhin das ganze mit einer „Bemühte-sich-stets-sehr-Attitüde“ zu belächeln. 

In mitten dieser „midlife crisis“ spielt Sport natürlich eine ganz große Rolle. Allgemein ist in Kanada Eishockey der größte und beliebteste Sport und nicht nur einmal kam es in Vancouvers Vergangenheit zu einem ausschreitenden Volksaufstand auf Grund eines verlorenen Eishockeyspiels (um genau zu sein verlor man 2 mal den Staneleycup im entscheidenen 7. Spiel). Doch in den Sommermonaten, ruht die Eishockeyliga und so rücken andere Sportarten in den Vordergrund. Während Fußball, Tennis und Golf ab und zu mal durch die Medien huschen, rücken Baseball und Canadian Football in den Vordergrund. So machten Felix und ich uns also auf uns die beiden Sportarten einmal von näherem zu begutachten.

Die Vancouver Canadians (ja, ja, sehr kreativer Name) spielen Baseball in der Minor League, was ist in etwa mit Deutschlands 2. Fußballbundesliga gleichzusetzen ist. Das Spiel, das wir uns ausgesucht hatten wurde zwischen dem ersten, den Boise-Hawks (Idaho-USA) und dem zweiten, den Vancouver Canadians, der Liga ausgetragen. Als wir zu den Tickettischen kamen, um unsere Eintrittskarten abzuholen, sahen wir überall Schilder, dass das Spiel ausverkauft sei. Das versprach eine mitreißende Stimmung. Zunächst kümmerten wir uns um ein echtes Stadionhotdog mit Stadionpommes und dann bezogen wir unsere Plätze schräg hinter den Schlägern, mit guter Sicht über das ganze Spielfeld.



Die Sitzränge waren zu diesem Zeitpunkt vielleicht zu ca. 30% gefüllt, doch es war ja auch noch relativ früh. Neben mir saßen zwei scheinbar eingeschweißte Baseballfans mit Caps und T-Shirts, die schon gebannt aufs Spielfeld starrten. Sonst wuselten jedoch überall Menschen hin und her, holten Bier, Hotdogs, Popcorn oder Riesensandwiches und hielten nur kurz inne um der amerikanischen und kanadischen Hymne zu lauschen, welche den Beginn des Spiels einläutete. Als die quietschende Akustik der Stadionanlage endlich überstanden war, ging das Spiel los, was allerdings niemanden (bis auf meine bewegungslose Sitznachbarin) zu interessieren schien. Es wurde gepitched, daneben geschlagen, getroffen, gelaufen, geworfen, gefangen, nicht gefangen, Spieler rausgekegelt und sogar ein paar Punkte gemacht. Dabei versuchten wir immer schön an den richtigen Stellen zu jubeln, wobei mir das nicht immer ganz gelang, denn der Unterschied zwischen einem Strike (Schläger hat versagt) und einem Ball (Pitcher hat versagt) ist nicht ganz so einfach zu verstehen, zu mal die Aufgabe des Schiedsrichters zu sein scheint, möglichst kurz das Ereignis anzuzeigen und danach seinen Helm vom Kopf zu reißen. So sah ich mich doch das ein oder andere Mal mit strengen Seitenblicken konfrontiert, als ich an falscher Stelle klatschte (in Fachkreisen spricht man auch von der höheren Kunst der Baseballsymphonie). Während ich vorher gehört hatte, dass es beim Baseball oft recht wenig Punkte gab, lief es bei uns doch ganz gut. Beide Teams brachten einige Leute durch, sodass es nach 4 Innings noch recht ausgeglichen 5:3 für Boise stand. Es hatte jedoch den Anschein, dass dies den Größteil der Fans recht wenig interessierte. Das Stadion war immer noch höchstestens zu 50% gefüllt und die Leute schienen sich mehr auf Essen, quatschen und das Fangen von fehlgeschlagenen Baseballs zu konzentrieren, als auf das Geschehen auf dem Platz.

Anfang des siebten Innings wurden alle auf einmal ganz aufgeregt, denn offensichtlich stand bald eine Pause an. Das sogenannte „seventh-inning stretch“ erwies sich dann auch als Highlight des Baseballabends. Die „grounds crew“, die dafür sorgt, dass die Aschezone des Platzes glatt gefegt wird, fing einen unbeholfenen Tanz an, während alle Zuschauer laut jubeln.

 
Im Stadion liefen große Sushirollen-Maskotchen rum, die jeder einmal anfassen wollte. Die „kiss cam“ suchte das Publikum nach begeisterten Pärchen ab, die sich dann in die Arme fielen und gespielt schüchtern einen Schmatzer gönnten. Das Stadion war während dieser Spielunterbrechung zwar immer noch nicht komplett gefüllt, aber ein Großteil der Ränge waren doch besetzt. Und als auf einmal auch noch der Ententanz losging, sprang sogar meine regungslose Sitznachbarin auf und stimmte begeistert in Gesang und Hinterngewackel ein. Wir waren bei all dem Geschehen derweil einfach nur verdutzt.


Nach dieser Unterhaltungseinlage hielten die meisten Gäste es nun aber auch wirklich mal an der Zeit zu gehen. Hinzukam noch, dass es zu diesem Zeitpunkt 11:3 für die Amerikaner stand, es so langsam kalt wurde, die Kinder müde quengelten und die Eltern am nächsten Tag arbeiten mussten. Die Besucher, die noch übrig blieben, tranken weiter Bier und versuchten mit mehr oder viel mehr weniger gekonnten Tanzeinlagen auf der Videowand zu landen. Überhaupt schien das Ziel als Baseballzuschauer zu sein entweder einen Baseball zu fangen oder aber mindestens ein mal auf der Videowand aufzutauchen.
Wir verfolgten derweil das eigentliche Spiel bis zum bitteren Ende und obwohl die Canadians noch auf 6:11 rankamen, konnte die Niederlage nicht mehr abgewendet werden. Doch darum schien es ja auch gar nicht zu gehen und so machten wir uns um eine schöne Erfahrung bereichert auf den Weg nach Hause.

Einige Tage später stand auch noch Sommersportartnr. 2 auf dem Programm: College Football. Canadian und American Football unterscheidet sich eigentlich nur in der Anzahl an Versuchen, die ein Team hat 10 yards zu überwinden, bevor das Ei wieder an das andere Team abgeben werden muss. Auf den ersten Blick lässt sich jedoch kein Unterschied zwischen American und Canadian Football erkennen: Dicke, dünne, große, kleine, träge, flinke, kräftige und schmächtige Männer reihen sich an der Seitenlinie auf und warten auf ihren Einsatz. Da das Spiel, das wir uns anschauen wollten, ein Vorbereitungsspiel der UBC (University of Columbia) war, hatte der Coach sich noch nicht für den endgültigen Kader entschieden, sodass sich ca. 96 Menschen an der Seitenlinie aufreihten.


Wie sich im Laufe des Spiels herausstellte hatte das junge Uniteam aus Vancouver Vorbereitung auch noch bitter nötig. Einer ihrer Quaterbacks (das sind die, die das Ei werfen oder weiterpassen) war zwar ein guter Läufer, aber ein nicht ganz so guter Werfer. Der nächste, der schon in seinem letztem Jahr war, war zwar ein guter Werfer, aber dafür inzwischen ziemlich lahm. Der dritte schien weder werfen noch laufen zu können. Nach dem dritten Quater lag Vancouver schon recht weit zurück und das Zuschauen wurde ein wenig frustrierend. Doch dann kam der vierte Quaterback, Dominik Bundschuh, ins Spiel. Dieser konnte sowohl werfen, als auch recht flink davon laufen und geriet unter Druck auch nicht in Panik. Dass nun ein Österreicher der Beste Quaterback des Teams war, war schon etwas bezeichnend. Bezeichnend war dann auch, dass der Hotdogstand pünktlich zur Halbzeit neue Würstchen auf den Grill legen musste und keine zu vekaufen hatte. Logistische Höchstleistung, wo doch der Ansturm zur längsten Spielpause vollkommen unerwartet kam.


Insgesamt kann man vielleicht festhalten, dass die nordamerikanischen Sportarten recht langwierig sind. Während einige vielleicht sagen würden, dass das daran liegt, dass hier viel Lärm um nichts gemacht wird, erlebe ich das Ganze doch etwas anders. So ein Sportereignis ist hier ein Teil der Kultur und Tradition. Sich das Spiel anzugucken ist viel mehr als nur mit seinem Team mitzufiebern, es geht viel mehr darum Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, den Spielern auf dem Feld Anerkennung und Unterstützung zu zeigen, den Mittwochabend oder Sonntagmittag gebührend mit „Game Day“ zu betiteln und so Teil eines größeren Ganzen zu sein. Ein kleines Puzzelstück in der Suche nach der eigenen Identität. 


Episode III: Vancity – Vansterdam – Hongcouver: Die Stadt mit den vielen Gesichtern

Eine Stadt, die Meer, Strände, Berge, Buchten, Fähren, Wolkenkratzer und Segelflugzeuge hat, ist eine Stadt, die sich hervorragend und gleichzeitig ganz und gar nicht für einen Kurzurlaub eignet. Einerseits gibt es natürlich sehr viel zu besichtigen und zu sehen, aber andererseits ist es unmöglich das Flair der Stadt in so kurzer Zeit vollständig in sich aufzusaugen. Und als ob die Diversität der geographischen Lage nicht schon genug zu bieten hätte, muss man sich auch noch mit der kulturellen Vielfältigkeit herumschlagen. Im Osten Vancouvers lag z.B. lange Zeit ein Viertel, das hauptsächlich von Italienern und Griechen bewohnt wurde, doch als Chinatown immer weiter aus Downtowns heraus wuchs, wurden viele der Südländer noch weiter in die Vororte gedrängt, während andere eisern in ihren Läden und Straßen ausharrten, sodass man heute mitten in Chinatown einen der ältesten italienischen Supermärktchen, welches seit 1930 in fester (Mafiosi?) Familienhand ist, finden kann.

 
Vielleicht ist es wirklich am Besten unsere Stadtbesichtigungen kulinarisch einzuteilen. 

1. British – Fish&Ships: Für den ersten Tag hatte ich gleich eine der schönsten Aktivitäten geplant. Südlich der Halbinsel, auf der sich Downtown befindet, gibt es einen langen Fußgängerweg unterhalb der False Creek Bucht. Bei strahlenden Sonnenschein spazierten wir entlang des Wassers, vorbei an Segelboten, Wassersportlern, Gänsen, Joggern, Radfahrern und anderen Touristen. 



An einem kleinen Bootshaus gab’s zur kurzen Stärkung Fish&Ships bevor wir uns weiter auf den Weg zu meinem Lieblingsstrand, Kitsilano Beach machten, wo wir uns erholten und den Sonnenuntergang genossen.

 
2. Japanisch – Shushi, Tempora & Yakitori: Ganz bei mir in der Nähe befindet sich der sogenannte Commercial Drive. Dieser hat alles zu bieten, was der Feinschmecker, Biertrinker, Kaffeeliebhaber oder sonstige Exot so zu suchen vermag. Orientalische Restaurants sehen von außen so aus, als ob man aus Holzschalen trinkt und von Bauchtänzerinnen bedient wird, alternative Kaffees bieten vegetarisches, veganes und (ganz wichtig!) Gluten freies Essen an. Das belgische Bierkaffee hat die größte frisch gezapfte Bierauswahl in Nordamerika. Beim Argentinier gibt’s Steak, beim Mexikaner Wraps. Türken, Griechen und Italiener bieten in Minisupermärkten frisches Gemüse und heimische Spezialitäten an. Für moderne Business Leute gibt’s saubergeleckte Stehkaffees. Und die Krönung des ganzen ist ein kleiner Park, in dem Kinder spielen, Penner betteln, Alt-Hippies Gitarre schrummeln und alle gemeinsam einen Joint rauchen.


Wir entschieden uns schließlich für ein kleines japanisches Restaurant, in dem ich auch schon an meinem ersten Abend gegessen hatte. Neben dem verdammt gutem Essen konnte man dort live beobachten, wie Fisch vom Koch mit einem Brenner flambiert wurde. Außerdem wurden die Sushiplatten mit wunderschönen Rettichblumen verziert, die zudem noch ganz hervorragend schmeckten.

3. Japanisch/Kanadisch – Japadog: Kanadischer Volkssport ist unter anderem Essenswagen mit diversen Sauereien aufzustellen und die Leute mit kreativen Perversitäten zum snacken zu überreden. In Vancouver gibt es ganze Touren, die sich einmal durch die „Food stands“ futtern, wobei „Pig on the street“ ein Wagen, bei dem jedes Gericht (auch Gebäck) Schweinespeck enthält, das absolute Highlight zu sein scheint. Wir wagten uns an einen Japadog heran. Man muss wissen, dass die Kanadier ihre Hotdogs lieben. Smokeys, wie die gesmokte Wurst auch genannt wird, schmeckt zwar wie abgelaschte Schuhsohle (zumindest im Vergleich zur deutschen Wurst), doch tut man genügend Senf und Ketchup hinzu, lässt sich das ganze Gebilde gut verzehren. Nun kam jemand besonders Cleveres auf die Idee, man könne so einen Hotdog ja auch einfach mit japanischen Zutaten verfeinern. Klingt absurd, ist aber gut. Zumindest wenn man auf abgefahrenes Essen steht.


4. Afrikanisch/Nordamerikanisch – Yamfries: Ich muss gestehen, dass ich schwer verliebt bin. Und zwar in die Süßkartoffel. Allein schon der Name: Yam. Wunderbar. Was Yam heißt, muss auch „yummy“, also sozusagen Yam-my sein. Doch damit nicht genug. Denn direkt an der Waterfront, im Norden Downtowns, mit Blick auf die Berge, zwischen dem Wasserflugflughafen und der Hauptanlegestelle für Kreuzfahrtschiffe, gibt es einen Pub, der nicht nur frisch gezapftes lokales Pils verkauft, sondern auch noch super leckere Yam Pommes anbietet. Ich glaube wir waren innerhalb einer Woche gleich dreimal da, denn der Joli ihr Yam, ist von nun an wie dem Holländer seine Kartoffel.

5. Griechisch – Moussaka & Souvlaki: Einen etwas kleineren Commercial Drive, dafür aber komplett in homosexuell, gibt es in Downtowns Süden. Auf der Davie Street findet man ebenfalls allerlei Restauraunts, Kaffees, Kneipen, Bars, Bäckereien, Fastfoodläden und Bistros. Wir hatten uns für einen Griechen entschieden, bei dem die Schlange in der Regel bis zum nächsten Restaurant reicht.


Wir (schon vorgewarnt) waren allerdings rechtzeitig da, sodass wir nur einige Minuten warten mussten, bevor wir so richtig reinhauen konnten. Das Essen war phantastisch, aber auch ziemlich viel, sodass ich mich am Ende kaum noch bewegen konnte. Gott sei Dank rollte Felix mich bergab in die English Bay, wo wir am Strand den Abend ausklingen ließen.

6. Mediterranian/Exotic – Platter for 2: Wie man sich nun vielleicht denken kann, herrscht in Vancouver eine recht große Konkurrenz zwischen Gaststätten, da es einfach unzählige davon gibt. Doch fast alle lassen sich irgendetwas besonderes einfallen, um neue Gäste zu locken. So gibt es im Sanafir Dienstag Abend alles Essen zum halben Preis (ob der Lebensmittellieferant dort immer Mittwochs kommt, sollte man wohl besser nicht mutmaßen). Während ich auf einem ca. 30 cm tiefem Launchstuhl irgendwo unterm Tisch verschwunden war, konnte Felix die Geschehnisse auf der Granvillestreet, eine der belebtesten Straßen Vancouvers gut beobachten. Busse, Bullen, Punks, Tussen, Zuhälter, Skater, Rocker, Schnösel, Backpacker, Musiker, Tracker, Stöckler, Penner, Studenten und Touristen scheinen sich zu gleichen Teilen über die Granvillestreet zu schleppen, da auch hier das Angebot wieder weitumfassend ist (vom Sexshop bis zum Nobelschuppen, aber das ist eine andere Geschichte). Wir genossen also eine zusammen gewürfelte Essensplatte, mit Fleischbällchen, frittiertem Gemüse, Linsensalat, Calamaris, Spare ribs und Brot, Felix die Sicht und ich den Wein. Schlemmen im Herzen Vancouvers.


7. Italienisch – Gelato: Wer gewinnt einfach mal 2012 das Florence Gelato Festival? Richtig, ein Kanadier. Die Bella Gelateria liegt praktischer Weise direkt neben meinem neuen Yam-fries Lieblingspub, sodass sich zwei Leidenschaften gut mit einander verbinden lassen. Dabei überzeugt die Eisdiele nicht nur mit ihrer Lage oder etwa mit ihrem vorzüglichen Schokoladeneis, sondern auch mit Mut zum ungewöhnlichen. So kürten Felix und ich „salziges Karamel“ zum Sieger der probierten Eissorten.


Natürlich haben wir uns nicht nur durch Vancouver durchgegessen, sondern sind auch ordentlich über die Straßen gewälzt. Doch die Geheimnisse und Anekdoten der Stadt hebe ich mir (soweit sie noch nicht verraten habe) für ein anderes Mal auf.

 
Episode IV: Von Bergen und Bären: Warum Berge stets rufen und Bären keine Limonade verkaufen

Ein großes Muss in Vancouver, laut Reiseführer und auch andern Internationalen, mit denen ich gesprochen hatte ist der Grouse Mountain. Naiv wie ich war und bin, zudem auch nicht aus meinen Fehlern lernend, dachte ich mir, dass so eine kleine Wandertour ein schöner Programmpunkt für den Wochenendfeierabend sei. So nahmen wir am Freitag Nachmittag den Seabus in Richtung Nordvancouver, stiegen in einen Bus um und ließen uns am Fuße des Berges absetzen. Dort trafen wir auf allerlei Leute, die sich dehnten und stretchten, Joggingschuhe sowie Laufhosen trugen und uns mit hoch motivierter Miene entgegen blickten. Der Kanadier schien so einen Aufstieg sportlich ernst zu nehmen, doch nach meiner Erfahrung der olympischen Spiele, bei denen jeglicher Versuch des Abschneiden eines kanadischen Teilnehmers in höchsten Tönen gelobt wurde (nach dem letzten Platz heißt es hier nämlich „tremendous effort!“), beunruhigte mich das ganze noch nicht. Guten Mutes ging es also los. Immer bergauf. Über Wurzel, Stock und Stein. Und wieder über Wurzel, den nächsten Stock und dann den nächsten Stein, wobei sich alles immer ca. 2 Meter über dem vorherigen befand. Als ich gerade bereit war, meine Lunge das erste Mal auszukotzen, verkündete ein nüchternes Schild, nun sei das erste Viertel des Weges geschafft. Hallelujah! Ich hatte zwar gelesen, dass der Trail 2.9 km lang sei, aber von den 853 zu überwindenden Höhenmetern war nirgendwo die Rede gewesen (oder aber ich hatte den Teil gekonnt verdrängt). Die schlaksigen, durchtrainierten Bergstürmer, die uns von hinten überholten, waren genauso wenig motivierend wie hechelnden Halbleichen, die wir am Rande der Strecke zurückließen. Zumal ich mir sicher war, dass mein Kopf mindestens genauso rot und mein T-Shirt wahrscheinlich noch verschwitzter war, als die der pausierenden andern Verrückten, die sich an diesen Aufstieg begeben hatten. Das einzige, was am Ende tatsächlich ein bisschen Beine machte, waren Kommentare bezüglich unserer Alltagskleidung, da diese immerhin raunend als zusätzliches Hindernis erkannt wurden.


Nach etwas mehr als einer Stunde hatten wir es dann tatsächlich geschafft. Die Gipfelstation war erreicht, die Lunge zerplatzt, der Körper entschwitzt und die Muskeln übersäuert. Wer wissen möchte, wie man nach diesem http://www.grousemountain.com/grousegrind Trail so aussieht der schaue sich die nachfolgenden Bilder an, wer nichts von Zombiekunst hält, scrolle bitte schnell weiter nach unten.



Oben wurde man dann jedoch belohnt. Zunächst natürlich mit einem kühlen Bier, dann mit einer atemberaubenden Aussicht und schließlich auch noch mit dem Anblick zweier Grislibären. Diese verkauften zwar keine Limonade (neben einem Nahtoderlebnis hatte ich während des Aufstiegs auch gewisse Wahnvorstellungen), saßen dafür aber drollig und munter in ihrem Gehege.




 
Anschließend ging’s dann mit der Gondel wieder bergab, da der Trail runter einfach zu steil und gefährlich ist. Während wir auf die Stadt zusteuerten, neigte sich schließlich auch der Tag zu Ende und so tauchten wir in Vancouvers Nacht ein.


Nach dieser extremen Bergerfahrung stand mir der geplante Sonntagsausflug nach Whistler ein bisschen vor Kopf. Noch so eine Kraxeltour hätte ich nun wirklich nicht überlebt und so wandte ich das Unheil ab, in dem ich mir am Samstag auf ebener Strecke und ohne sichtbares Hindernis (es schien dann doch eine leicht hervorstehende Wurzel zu geben) den rechten Mittelzeh brach. Dies boykottierte zwar nicht den Trip an sich, aber doch behinderte es mich ausreichend, um Berggipfelerklimmungen zu vermeiden.

So wurden die Programmpunkte auf der Whistlertour also recht überschaulich gestaltet. Dreimal Wasserfall, zweimal See und ein langer Spaziergang.





Das absolute Highlight ereignete sich allerdings am Vormittag. Ich hatte gerade mein Aufwachritual mit einem Sprung in den See beendet und versuchte mich daran durch die Sonne spazierend etwas zu trocknen, als wir vor uns auf dem Weg auf einmal ein kleinerer Menschenauflauf erblickten. Felix scherzt: „Da sind jetzt ein paar Bären. Und die Mama sitzt gleich daneben.“ Ich hatte nämlich noch kurz vorher den Funfact zum Besten gegeben, dass Bären nur gefährlich sind, wenn sie Junge im Schlepptau haben. Kaum hatten wir also den Menschenauflauf erreicht, sahen wir im Gebüsch, glücklich vor sich hinmümmeln eine Bärenmama mit ihren zwei Jungen. Da wir nicht ganz so mutig wie der ein oder andere tollkühne Tourist waren, muss man leider viel Vorstellungskraft walten lassen, um wirklich einen Bären im Gebüsch erkennen zu können, aber ich denke, die dürfte jeder von euch aufbringen können. 


Whistler ist also auf jeden Fall einen Ausflug wert. Auch wenn’s noch nicht schneit und man sich noch zu Fuß durch die Gegend begeben muss. Und nach meinem Fazit ist Whistler im Gegensatz zu Victoria richtig authentisch touristisch, wobei der Versuch ein Alpendorf nach Nordamerika zu bringen in einem touristischen Mountain-Phantasialand geendet ist.

Japanischer Funfact of the day: In Japan sagt man, dass Leute, die jemanden vermissen einen ganz langen Hals bekommen, weil sie immer nach der geliebten Person Ausschau halten. Ich hoffe also, ihr seht alle aus wie Giraffen, wenn ich wiederkomme!